Im Vordergrund verläuft eine Wäscheleine mit gelben Wäscheklammern, an der mehrere beschriebene und bemalte Zettel befestigt sind. Die Zettel hängen in einer Reihe und sind teilweise mit handschriftlichem Text und bunten Zeichnungen versehen. Im Hintergrund stehen mehrere Menschen in Gruppen beisammen, einige unterhalten sich. Die Szene spielt im Freien bei Tageslicht, einzelne Blätter eines Baumes werfen Schatten auf den Bereich.

Von Viertel zu Viertel: Wie wir Transformationsprozesse auf neue Kontexte übertragen

Von April bis Juni 2026 begleitete ein Teil unseres Projektteams Stadt.Raum.Potenziale zwei Studierendenprojekte der Hochschule München in einer besonderen Rolle. Als vermittelnde Praxispartner unterstützten wir Masterstudierende im Programm Gesellschaftlicher Wandel als Gestaltungsaufgabe” bei der Entwicklung und Umsetzung eines laufenden Transformationsprozesses in München-Laim, der eng an unsere letztjährige Arbeit im Olympiadorf anschließt.  

Das Ziel des Prozesses in Laim: Der Gebäudekomplex der katholischen Pfarrgemeinde „Namen Jesu“ soll für neue Nutzungen geöffnet werden. Was die Menschen vor Ort brauchen, möchte die Gemeinde bei der Ideenentwicklung unbedingt mitdenken. Die Studierenden gestalteten und koordinierten in diesem Sinne eine umfangreiche Bedarfsermittlung und Beteiligung im Viertel. Wir standen beratend zur Seite.  

Mitgenommen haben wir einige wichtige Learnings über die Übertragung und Verstetigung von Projekten. Und die Erkenntnis, dass es gemeinsame Lösungen für geteilte Probleme gibt – über Konfessions- und Quartiersgrenzen hinaus!  

Grundsteine gelegt: Eine kurze Kooperation mit langfristiger Wirkung 

Die Zusammenarbeit reiht sich ein in die transdisziplinäre Semesterkooperation mit der Hochschule München zum Thema Raumpotenziale. Den Prozess in Laim gestalteten die beiden Studierendengruppen und die Pfarrgemeinde mit unserer Unterstützung. Wie bereits im Olympiadorf entstanden auch hier partizipative Werkstätten für die Bedarfsermittlung und Ideenentwicklung zu neuen Nutzungsmöglichkeiten der Kirchenräume.  

Ein bewährtes Rezept: Die Werkstätten wurden von interessierten Laimer*innen gut besucht. Mit dabei waren Vertreter*innen aus Sozialer Arbeit, Bildung, Kultur, Politik, Jugendarbeit, Kirchengemeinden und der Nachbarschaft. Die offene und kommunikative Atmosphäre sowie die erfolgreiche Beteiligung bisher nicht erreichter Organisationsvertreter*innen trug wesentlich dazu bei, dass selbst anfängliche Kritiker*innen Vertrauen in den Prozess entwickelten.  

Mehrere Personen stehen in einem hellen Raum mit Holzdecke und großen Fenstern. Im Vordergrund unterhalten sich zwei Menschen, eine Person trägt ein helles Hemd, die andere eine dunkelblaue Bluse. Im Hintergrund stehen weitere Personen in kleinen Gruppen zusammen. An der Wand hängen einige Zettel oder Karten. Die Atmosphäre wirkt ruhig und konzentriert.

Das zeigt Wirkung: Verschiedene Beteiligte übernehmen nun Verantwortung für die Weiterentwicklung der angestoßenen Ideen, die Motivation ist hoch. Es entstanden neue Kontakte und erste Kooperationen zwischen Menschen und Organisationen, die zuvor kaum Berührungspunkte hatten: Die Vernetzung der Kirchengemeinde in das Quartier ist deutlich gestärkt.  

Der Erfolg des Prozesses ist nicht selbstverständlich. Deshalb haben wir reflektiert: Unter welchen Voraussetzungen konnte die Übertragung des letztjährigen Prozesses im Münchner Olympiadorf auf ein neues Viertel gelingen? Und was sollte man mitbringen, um eine beratende Transferrolle zwischen eigenen und übergebenen Projekten zu meistern?  

Vom Selbermachen zum Übertragen 

Mit dem festen Ziel, die Studierendengruppen und auch die Pfarrgemeinde selbst zur Prozessgestaltung zu befähigen, probierte sich unser Team in dieser neuen Rolle als Beratungsteam aus. Drei Aspekte waren dabei entscheidend: die Unterstützung des Prozesses selbst, der Transfer des erarbeiteten Wissens und dessen langfristige Verstetigung. 

Dafür war es unsere zentrale Aufgabe, den richtigen Rahmen zu schaffen: für den Austausch zwischen diversen Akteur*innen und deren Perspektiven, für ein methodisch sicheres, aber kontextsensibles Vorgehen und für die Weiterentwicklung des „Musterprozesses“, den wir mit nach Laim brachten. 

Dies begann bereits beim Erstkontakt vor Ort: Um das Vorhaben anzubahnen und der Pfarrgemeinde in Laim ein konkretes Angebot zu machen, war die Anlehnung an den im Vorjahr durchgeführten Prozess im Olympiadorf ein hilfreicher Ausgangspunkt. Da dieser von Beginn an für die Übertragung auf neue Kontexte konzipiert war, verschafften sich auch die Studierenden schnelle Orientierung und nahmen den Prozess in die eigenen Hände.  

Dafür griffen sie insbesondere auf die bereits erprobten Methoden, Templates und Formate zurück – und entwickelten diese auf Basis ihrer eigenen fachlichen Expertise weiter. Sie optimierten Abläufe, ergänzten neue Elemente. Bei all diesen Transfermaßnahmen behielten sie stets einen entscheidenden Fokus: die Bedürfnisse der beteiligten Akteur*innen im lokalen Kontext. 

Die aktive und sensible Anpassung an die Gegebenheiten vor Ort war eine der wichtigen Grundlagen für den Erfolg des Projekttransfers. Welche weiteren Faktoren bei der Übertragung entscheidend waren und welche Learnings wir daraus ziehen, haben wir im Überblick zusammengefasst.  

Fünf Personen sitzen an einem rechteckigen Tisch in einem hellen Raum. Eine Frau mit gemustertem Oberteil spricht gestikulierend mit den anderen, die aufmerksam zuhören. Die Gruppe wirkt konzentriert, einige haben die Hände am Kinn oder auf dem Tisch. Im Vordergrund ist eine leere Stuhllehne und ein Tisch mit einem Blatt Papier und einem leuchtend grünen Zettel zu sehen. Die Atmosphäre ist ruhig und sachlich.

Überblick: Erfolgsfaktoren und Learnings

1. Ein robuster Prozess als Grundlage

Das vielleicht wichtigste Learning: Ein übertragbarer Prozess für partizipative Ideenentwicklung und Bedarfsermittlung ist möglich! Für den Transfer muss dieser jedoch robust aufgebaut sein und alle wichtigen Elemente enthaltenDazu gehören eine klare Vorgehensweise bei Analysen, Engagement und Ansprachen von Stakeholdern sowie erprobte (und im besten Fall mehrfach iterierte) Formate, Methoden und Templates. 


3. Kriterien für Transferpartner*innen 

Die Rolle der Prozessgestalter*innen, welche hier die Studierenden eingenommen haben, erfordert je nach Kontext ein gewisses Maß an Neutralität und Externalität. An welche Gruppen oder Organisationen ein Prozess übergeben wird, spielt also durchaus eine Rolle für den Projekterfolg. So ist nicht sicher, ob Vertreter*innen der Pfarrgemeinden den Prozess in dieser Anfangsphase selbst gleichermaßen hätten übernehmen können. 


5. Gemeinsame Lösungen für geteilte Probleme

 Bei der Übertragung des Prozesses vom Olympiadorf nach Laim hat sich gezeigt: Verschiedene christliche Gemeinden stehen vor den gleichen Problematiken. Trotz unterschiedlicher lokaler Kontexte, Konfessionen und Verwaltungslogiken erwies sich das Vorgehen in beiden Fällen als anschlussfähig. Es kann erstaunen, wie ähnlich bestimmte Herausforderungen an verschiedenen Orten sind. Eine detaillierte Problemanalyse ist dennoch entscheidend, um den richtigen Anwendungskontext für einen Prozess zu finden.  

2. Ein Muss: Ausreichende Erfahrungswerte

Neben dem Prozess selbst bildetet die Erfahrung der Berater*innen mit eben diesem eine wichtige Grundlage für den Transfer. So war es in Laim möglich, auf neue Entwicklungen zu reagieren, ohne dass wesentliche Prozessbausteine und Qualitäten verloren gingen. Ziel einer begleitenden Beratung sollte sein, den beteiligten Akteuren gleichermaßen Freiraum und Sicherheit zu gebenDafür benötigt das Beratungsteam kontextübergreifende Erfahrungswerte mit etablierten Prozessen.


4. Verstetigung von Beginn an mitgedacht

Prozessgestalter*innen sollten die Verstetigung ihrer Arbeit von Beginn an mitdenken. So endet in Laim das Semesterprojekt der Studierenden, während die kooperative Transformation des Gebäudekomplexes nun erst richtig startet. Hier ist es hilfreich, dass wir als Institution von Dauer“ die Verstetigung noch weitere Schritte begleiten können. Sinnvoller ist es jedochschon früh im Prozess Arbeitsgruppen lokaler Akteure zu bilden, die eine Weiterführung verantworten.


6. Kooperation nach Vereinbarung

Um die Verantwortlichkeiten und Aufgaben der Prozessgestalter*innen sowie der Prozessbegleiter*innen oder –berater*innen zu klären, ist eine Kooperationsvereinbarung (vor Prozessbeginn!) hilfreichSie schafft die Grundlage für eineffiziente Umsetzung und erleichtert den Partner*innenein Selbstverständnis für die eigenen Rollen und Agencies aufzubauen

Ausblick: Wie weiter mit den Ideen?

Eine erfolgreiche Initialphase ist nun abgeschlossen. Im Rahmen der Studierendenprojekte wurden partizipativ Bedarfe ermittelt und Ideen entwickelt. Durch die Werkstätten und das gelungene Stakeholderengagement kamen Personen und Institutionen in den Austausch, die für die Ausgestaltung zukünftiger Nutzungs- und Gebäudekonzepte von zentraler Bedeutung sind. Die dadurch gestiegene Veränderungslust reicht häufig über Raumfragen hinaus: Auch die generelle gegenseitige Unterstützung gemeinnütziger Organisationen im Stadtteil wurde zum Thema.

Dieses Kooperationspotenzial gilt es zu nutzen. Zu diesem Zweck sind bereits zwei weitere Anschlusstreffen geplant. In diesen Treffen werden die weiteren Schritte hin zu einem tragfähigen Konzept für die katholische Pfarrgemeinde „Name Jesu“ mit Interessierten, Motivierten und direkt Betroffenen diskutiert.

Wir freuen uns sehr, wenn die weitere Entwicklung schließlich in den Händen mehrerer engagierter Organisationen liegt  – und das Kirchengebäude für neue gemeinwohlorientierte Nutzungen geöffnet wird.