Gruppe von Menschen steht vor einer Wand mit vielen Zetteln und Notizen, einige Personen zeigen auf die Wand

Projekte nachhaltig verstetigen: Learnings aus 7 Jahren Home not Shelter!

Ein zentrales Ziel unserer Arbeit im social design lab ist es, nachhaltige Wirkungen in sozialen Systemen zu entfalten. Deshalb denken wir die Verstetigung unserer Projekte von Anfang an mit. 

Da Prozesse der Verstetigung so unterschiedlich verlaufen können, beschreiben wir in diesem Beitrag beispielhaft drei verschiedene Wege hin zur dauerhaften Wirkung, die wir in unserem langjährigen Projekt Home not Shelter! gegangen sind.

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Die Grundlage: Frühe Handlungsgemeinschaften  

Ein wesentlicher Gelingensfaktor dafür ist dabei die Arbeit in Handlungsgemeinschaften und Kooperationen: Unsere Projekte werden bereits zu Beginn von diversen Akteur*innen mitgetragen. Dabei geht es nicht ausschließlich um das Verteilen von Aufgaben, sondern um das Arbeiten für ein gemeinsames Ziel.  

So legen wir den Grundstein dafür, dass Projekte auch nach ihrer Laufzeit – mit und durch andere Akteur*innen – weiterwirken können. Partner*innen zu finden, deren Kapazitäten eine Projektübernahme erlauben, kann zu einer echten Herausforderung werden. Sind die Organisationen jedoch bereits involviert und Handlungsgemeinschaften, Verantwortlichkeiten, Erfahrungswissen und Netzwerke geschaffen, ist der Fortbestand des Projekts oft deutlich besser abgesichert.   

Formen der Mitwirkung und Verstetigung 

Der Umfang der Mitwirkung kann dabei von einer losen Unterstützung über die Organisation einer Veranstaltung bis zu dem gemeinsamen Konzipieren und Durchführen des gesamten Projektes reichen. Im Kern möchten wir ermöglichen, dass ein Verantwortungs- und Zugehörigkeitsgefühl – in der Fachliteratur als Ownership bezeichnet –  bei mehreren Akteur*innen entstehen kann.   

Damit dies gelingt, braucht es gemeinsame als sinnvoll erachtete Projektziele, Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume sowie gegenseitiges Vertrauen. Das entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven, Ressourcen und Interessen Wertschätzung erfahren – und alle Beteiligten an einer geteilten Vision arbeiten. 

Befindet sich ein Projekt im späteren Verlauf schließlich in der Verstetigungsphase, geht es nicht immer darum, dieses auf die exakt gleiche Weise fortzuführen. Viel entscheidender ist, dass die beabsichtigten Wirkungen Bestand haben und Aktivitäten im diesen Sinne stattfinden. Dabei muss es immer Raum für Anpassungen geben, die zu den Akteur*innen, aber auch einem sich ständig veränderndem Projektkontext passen.  

Gelungen ist Verstetigung für uns, wenn Projekte weiterverfolgt, weiterentwickelt und eigenständig getragen werden – insbesondere dann, wenn wir selbst nicht mehr mitwirken.  

 Welche Wege der Verstetigung unser Projekt Home not Shelter eingeschlagen hat, welche Hürden wir dabei überwinden mussten und welche wichtigen Learnings wir daraus ziehen konnten, zeigen unsere drei Insights aus sieben Jahren Projektarbeit in Stuttgart. 

Gruppe von Menschen sitzt im Kreis unter einem roten Zelt, einige halten Notizbücher, eine Frau mit weißem Kopftuch spricht.

Drei Projekte und ihre Verstetigung

 Welche Wege der Verstetigung unser Projekt Home not Shelter eingeschlagen hat, welche Hürden wir dabei überwinden mussten und welche wichtigen Learnings wir daraus ziehen konnten, zeigen unsere drei Insights aus sieben Jahren Projektarbeit in Stuttgart. 

Ein Projekt, das uns nicht mehr braucht  

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie ein gesamtes Projekt Schritt für Schritt an andere Akteur*innen übergeben werden kann, ist der Habibi Dome. 

Der Habibi Dome wurde gemeinsam mit dem Jugendmigrationsdienst im Quartier der AWO Stuttgart (JMD) als temporärer Begegnungs- und Veranstaltungsort konzipiert und umgesetzt. Eine Vielzahl weiterer Organisationen beteiligte sich an der Entwicklung. So stimmten beispielsweise bereits alle Beteiligten im Rahmen eines Netzwerktreffens über den Standort ab. Mehr als 30 Organisationen führten – größtenteils unentgeltlich – Veranstaltungen im Habibi Dome durch. Die Resonanz im Stadtteil war groß. Einige Anwohner*innen verbrachten viel Zeit am Habibi Dome und übernahmen niedrigschwellig Verantwortung, in dem sie z.B. bei aufkommenden Problemen das benachrichtigten 

Nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit zogen wir uns aufgrund auslaufender Fördermittel schrittweise aus dem Projekt zurück. Zunächst übernahm der JMD mit unserer Unterstützung die Projektverantwortung, bis er nach einem Jahr die Umsetzung eigenständig in die Hand nahm. Dabei konnte das JMD-Team auf ein gewachsenes Erfahrungswissen und ein tragfähiges Netzwerkzurückgreifen. Der organisatorische Aufwand war dadurch deutlich geringer. 

Durch den hohen Bekanntheitsgrad und den Wiedererkennungswert des Habibi Dome war zudem kaum zusätzliche Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Zwar wurde die Laufzeit verkürzt und die Ausrichtung des Projekts leicht angepasst, der grundlegende Ansatz und die Wirkungsorientierung blieben jedoch erhalten.  

Dabei zeigte sich deutlich: Robuste Projekte sind in beide Richtungen skalierbar: Wachsen sie erfolgreich und sind in ein starkes, engagiertes Netzwerk eingebunden, lassen sie sich nach Bedarf auch wieder verkleinern, um eine Verstetigung zu garantieren.  

ein aus Holz und Planen konstruierter Bau, der an ein Zelt erinnert, steht auf einem großen asphaltierten Platz. In dem Bau sind Familien und spielen, malen und unterhalten sich.

Verbindungen, die bleiben

Ein weiteres Beispiel für gelungene Verstetigung zeigt sich weniger in der Fortführung eines konkreten Angebots als in der nachhaltigen Wirkung auf die Zusammenarbeit zwischen Organisationen. Im Rahmen der Workshopreihe Brücken Bauen beschäftigten sich mehrere Partner*innen mit der Ausgangsfrage, wie sich die Verbindung zwischen der Gemeinschaftsunterkunft (GU) und dem umliegenden Stadtteil stärken lässt. Eine Antwort darauf war das offene Sportangebot des Fitmobils, welches Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen der Gemeinschaftsunterkunft, Home not Shelter!, das Jugendhaus, der JMD und das Stadtteilhaus gemeinsam entwickelten.  

Um die Finanzierung des Fitmobils zu sichern, stellten Jugendhaus, HnS! und der Malteser Hilfsdienst e.V. erfolgreich einen gemeinsamen Projektantrag. Anschließend setzten die Organisationen sowie Ehrenamtliche das Projekt um, wobei sich unsere Rolle vor allem auf die organisatorische Begleitung des Projektes beschränkte. So entstand erstmals die direkte Zusammenarbeit und ein intensiver Austausch zwischen dem Jugendhaus und der GU.  

Nach dem Ende der einjährigen Förderlaufzeit bestand Einigkeit darüber, dass die Zusammenarbeit auch ohne externe Mittel weitergeführt werden soll. Zwar kam das Fitmobil infolge von Personalkürzungen und Personalwechseln in seiner ursprünglichen Form zum Erliegen, die aufgebauten Netzwerke blieben jedoch bestehen und entwickelten sich weiter. Die Ehrenamtskoordinatorin der GU sowie Bewohner*innen besuchen regelmäßig das Jugendhaus. Gleichzeitig engagieren sich ehemalige Ehrenamtliche des Fitmobils nun direkt im Jugendhaus und nutzen dessen Angebote selbst. Auf diese Weise konnte die Verbindung zwischen beiden Organisationen nachhaltig vertieft und über das konkrete Projekt hinaus verankert werden. 

Gruppe von Menschen steht vor einer Wand mit zahlreichen Zetteln und Sprechblasen, einige sitzen an einem Tisch mit Getränken und Snacks

Ein Flussbett für Informationsströme 

Fehlende Informationsflüsse zwischen der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete (GU) und den Einrichtungen im angrenzenden Stadtteil führten lange Zeit zu einer unbeabsichtigten Isolation. Deshalb erprobte das Team von Home not Shelter! unterschiedliche Ansätze, um Barrieren abzubauen und den Austausch nachhaltig zu verbessern. 

Einer der Ansätze war das Projekt Stadtteil EntdeckenDieses ermöglichte regelmäßige Wegbegleitungen, durch die Kinder und Jugendliche schrittweise an soziale Einrichtungen im Stadtteil herangeführt wurden. Das Projekt erleichterte nicht nur den Zugang zu bestehenden Angeboten, sondern schuf zugleich direkte Kommunikationswege zwischen Einrichtungen und jungen Bewohner*innen der GU. Das Prinzip der Wegbegleitung wurde in den folgenden Jahren auf weitere Projekte wie den Habibi Dome oder Brücken Bauen übertragen und später auch von externen Projekten im Stadtteil, etwa im Rahmen des Weltkindertags, aufgegriffen. 

Parallel nahmen Mitarbeitende des GU-Trägers häufiger an stadtteilweiten Vernetzungsrunden teil und sicherten so den Informationsfluss: Sie lernten bestehende Strukturen und Angebote kennen und konnten zugleich Bedarfe und Herausforderungen der Gemeinschaftsunterkunft in den Stadtteil tragen. Daraus entstanden neue Kooperationsformate, einrichtungsübergreifende Projekte sowie informelle Austauschbeziehungen im Alltag. Bis heute sind Mitarbeitende der GU fest in Vernetzungsrunden eingebunden. 

Ergänzend entstanden niedrigschwellige Informationsformate: Eine Infowand in der GU bündelte Angebote aus dem Stadtteil. Eine WhatsApp-Community in leichter Sprache wurde eingerichtet. Die Betreuung dieser Community wurde nach Projektende zunächst vom Stadtteilhaus und später vom Jugendmigrationsdienst übernommen.  

Diese vergleichsweise kleinen Ansätze haben die Informationsflüsse nachhaltig verändert. Die Gemeinschaftsunterkunft wird heute stärker als aktiver Teil des Stadtteils wahrgenommen und ist in gemeinsame Prozesse eingebunden. Damit ist eine zentrale Grundlage für die Verstetigung von Zusammenarbeit über einzelne Projekte hinaus geschaffen. 

Hand hält Smartphone mit geöffneter Webseite „Deutsch lernen für den Alltag“ vor unscharfem Hintergrund mit Pflanze und Papier.