Interview mit Sonja Hörster

Sonja Hörster arbeitet seit über 25 Jahren im Themenfeld räumliche Planung und Beteiligung. Als Professorin lehrt sie gestaltungsorientierte Partizipation und Kommunikation. Als Landschaftsarchitektin und Geschäftsführerin des Instituts für Partizipatives Gestalten (IPG) ist sie vor allem für Kommunen und in Projekten als Planerin, Moderatorin und Begleiterin kollaborativer städtischer und ländlicher Entwicklungsprozesse tätig. Trainings und Veröffentlichungen zu diesen Themen ergänzen ihre Arbeit. Ihr Anliegen ist es, durch neue Formen der Zusammenarbeit Veränderungsprozesse anzustoßen, die sozial, räumlich und auch wirtschaftlich Sinn ergeben.

// 11.10.2021

social design lab:

Du beschäftigst dich viel mit gestaltungsorientierten Beteiligungsformaten, die oftmals an Design-Methodiken angelehnt sind. Was ist für dich Social Design? Was sind Indikatoren für gutes Social Design?

Sonja Hörster:

Der Begriff „Social Design“ impliziert für mich, dass nicht nur für Menschen gestaltet wird, sondern mit Menschen. Das kann z.B. bedeuten, dass spätere Nutzer*innen von Anfang an an der Entstehung eines Parks oder eines neuen Wohngebiets beteiligt sind und nach der Fertigstellung aktiv an diesem Ort wirksam werden können.
Hauptindikator für gutes Social Design ist für mich eine grundsätzliche Einbindung der Gestaltung in einen gemeinwohlorientierten Kontext im Gegensatz zu Nutzung von Social Design als neoliberales Werkzeug. Die Rahmung muss stimmen.

 

social design lab:

Du bist Mitbegründerin des Instituts für Partizipatives Gestalten. Wie kann Partizipation deiner Erfahrung nach gut gelingen? Was ist dafür nötig?

Sonja Hörster:

Als Basis ist die Haltung entscheidend. Ohne eine tief verankerte demokratische Haltung, nicht nur Menschen, sondern allen beteiligten Partizipateuren gegenüber, geht es nicht. Den Begriff Partizipateur hat sich Jascha Rohr ausgedacht, ebenfalls Gründer des IPGs. Er beschreibt Menschen, nichtmenschliche Wesen und abstrakte Elemente, die auf ihre je spezifische Weise an einem Projekt beteiligt sind.

Wenn alle Partizipateure mit ihren jeweiligen Eigenschaften am gestalterischen Prozess beteiligt sind, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass Partizipation gelingt. Um stimmige Lösungen zu entwickeln, braucht es dann dem Kontext entsprechende Methoden. Um diese zu finden, ist es notwendig, ein intensives Verständnis für die Aufgabe und ihr Feld zu entwickeln.

 

social design lab:

In welchen Bereichen arbeitet ihr? In welchen Bereichen siehst du besonders großes Potenzial für Veränderungsprozesse?

Sonja Hörster:

Wir arbeiten in der Stadt-, Regional- und Dorfentwicklung und wir machen auch Forschungsprojekte. Wir sind inhaltlich nicht auf ein Thema festgelegt. Was alle Projekte verbindet, ist, dass wir mit allen Beteiligten zusammen gestalten und dabei auf entwurfsorientierte Methoden zurück greifen. Das nenne ich „Entwurfsorientierte Partizipation“. Das Projekt kann die Neugestaltung eines Parks in einem Stadtquartier sein oder ein Schulentwicklungsplan für eine große Kommune oder die Digitalisierungsstrategie für ein Bundesland oder ein Urbaner Waldgarten für unsere Hauptstadt oder …

Besonderes Potential sehe ich überall dort, wo neue Formen der Governance ausprobiert und geübt werden, also wo Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammen gestaltet und in dieser Zusammenarbeit erfährt, dass ein Projekt dadurch viel besser gelingt.

 

social design lab:

Was bedeutet für dich Transformation? Wie wird Veränderung greifbar?

Sonja Hörster:

Transformation wird für mich greif- und erlebbar, wenn sich Paradigmen ändern – also wenn sich Vorstellungen über die Beschaffenheit der Welt, die Natur unserer Probleme und die damit verbundene Art von Lösungsversuchen transformieren. Daher nutze ich z.B. das Wort Partizipateur, da hier keine Zuschreibung in Subjekt und Objekt mehr stattfindet. Das unterstreicht dass es nur unterschiedliche Rollen, Fähigkeiten oder Qualitäten gibt. Landschaft, Menschen und Werkzeuge werden als Mitwirkende verstanden, die Raum und Prozess mitgestalten. Und das unterstützt, ein neues Paradigma, hin zu einer tieferen Form von Demokratie zu entfalten.

social design lab:

Was sind gelingende Prozesse oder was macht für dich einen gelungenen Prozess aus?

Sonja Hörster:

Ein gelungener Prozess ist für mich ein Prozess, indem wir alle gespürt haben, dass wir leben, der die Beteiligten vitalisiert und der daher neue Räume und Orte hervorbringt, die ebenfalls Lebendigkeit ausstrahlen und die uns dann wiederum helfen, uns lebendiger zu fühlen. Vitale, vitalisierende Impulspunkte.

 

social design lab:

Woran macht ihr positive Wirkungen fest?

Sonja Hörster:

Ich denke, dass eine positive Wirkung wahrgenommen werden kann, besonders im Vergleich. Zum Beispiel im vorher-nachher-Vergleich oder in dem zwei vergleichbare Orte oder Konzepte nebeneinander gestellt werden.

 

social design lab:

Welchen Einfluss hat Gestaltung auf unsere Gesellschaft? Glaubst Du, dass wir mit der Hilfe von Designmethoden einen Beitrag zu einer positiven Transformation leisten können?

Sonja Hörster:

Unbedingt. Ich bin sogar der Ansicht, dass Gestaltungsmethoden ein wesentlicher Einflussfaktor sind, ein ausschlaggebendes Werkzeug für eine positive Transformation. Sie helfen uns, im guten Sinne kreativ zu sein und lebendige Schönheit hervorzubringen anstatt uns zu Tode zu quatschen.

 

social design lab:

Du bist Professorin für Kommunikation & Partizipation in der Landschaftsarchitektur an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Was ist dir besonders wichtig den Studierenden mitzugeben? Welche Werkzeuge könnten sinnvoll sein für die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft?

Sonja Hörster:

Mir ist besonders wichtig, dass die Studierenden erleben können, dass die entwurforientierten Methoden der Landschaftsarchitektur und damit sie selber mit ihrem Handwerkszeug einen wichtigen Beitrag hin ur einer positiven Transformation leisten können. Und dass es schön ist, mit anderen zusammen zu arbeiten und die Vielfalt der Perspektiven nicht das Problem, sondern die Lösung ist.

 

social design lab:

Was würdest du Menschen raten, die partizipative Prozesse angehen?

Sonja Hörster:

Nutzt entwurfsorientierte Methoden und arbeitet korrelativ zusammen! Das, was Euch Freude macht, das macht auch anderen Freude. Und Freude macht lebendig und bringt Schönheit hervor.

 

// Vielen Dank für das Interview.

Interview: Barbara Lersch und Sarah Dost