Interview mit Michaela Christ & Bernd Sommer

Michaela Christ
Bernd Sommer Foto

Michaela Christ ist Soziologin u.a. mit den Forschungsschwerpunkten Kultursoziologie, Soziologie des sozialen Wandels und Gesellschaftliche Naturverhältnisse.

Bernd Sommer hat Sozialwissenschaften studiert und befasst sich insbesondere mit den Themen Nachhaltigkeit, Klima und Kultur.

Gemeinsam leiten und entwickeln sie den M.A. Transformationsstudien sowie das Norbert Elias Center for Transformationsdesign & Research der Europa-Universität Flensburg. Im Interview sprechen sie u.a. über den konzeptionellen Aufbau des Studiengangs, den Enthusiasmus der Studierenden, sozialökologische Forschung und Transformationsprozesse.

 

// 15.05.2019

Hans Sauer Stiftung:
Frau Christ, Sie sind seit November 2013 und Sie, Herr Sommer, sind seit September 2012 am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research. Heute leiten Sie gemeinsam den Studiengang „Transformationsstudien“. Was hat Sie zur Gründung des Studiengangs bewegt?

Bernd Sommer:
Die Idee war, dass wir in dem Bereich, in dem wir arbeiten, sozialökologische Forschung und Transformation, einen Studiengang entwickeln. Wissen über Transformation wird so nicht allein über Forschungsartikel und Publikationen in die Welt getragen, sondern auch durch Transformatoren und Transformatorinnen, die im Rahmen des Studiengangs ausgebildet werden. Wir haben also unsere Arbeit an der Universität in ein Studienprogramm übersetzt. Die konzeptionelle Entwicklung, sowie die Studiengangsleitung und -koordination liegt auch heute noch bei uns am Norbert Elias Center.

Michaela Christ:
Zwar gibt es einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Notwendigkeit gesellschaftlicher Transformation vor dem Hintergrund von Klimawandel, Ressourcenverknappung und Umweltverschmutzung sowie den diversen sozialen Problemen, die damit einhergehen. Jedoch finden sich noch kaum Studienprogramme, die sich mit diesen Fragestellungen beschäftigen. Insbesondere die sozialwissenschaftliche Perspektive kommt oft zu kurz. Das zeigt auch Ihre Aufstellung an Studiengängen auf socialdesign.de.

 

Hans Sauer Stiftung:
In Braunschweig gibt es einen Studiengang, der den Namen Transformation Design trägt und Sie, Herr Sommer, haben gemeinsam mit Harald Welzer ein Buch unter demselben Titel veröffentlicht. Warum haben Sie sich für den Namen Transformationsstudien entschieden und was sagt uns das über den Studiengang?

Bernd Sommer:
Die Transformationsdesign-Komponente, wenn man darunter versteht, dass es um Fragen der Gestaltung von Transformationsprozessen geht, hat einen Stellenwert bei uns im Studiengang, ist aber nicht der ausschließliche Fokus.

Der konzeptionelle Aufbau des Studiengangs folgt einer zeitlichen Struktur, bei der wir mit Gegenwartsdiagnosen und Bestandsaufnahme der sozial-ökologischen Krisen und Konflikte und deren Ursachen beginnen. In einem zweiten Schritt schauen wir uns historische Prozesse an und beschäftigen uns mit Theorien des sozialen Wandels, um uns dann möglichst empirisch-theoretisch fundiert Gedanken über die Gestaltung und Einflussnahme zu machen. Wenn die Transformationsdesign-Komponente der Titel für den gesamten Studiengang wäre, würde dieser nicht umfassend beschreiben, was eigentlich der Anspruch ist. Wir halten es für vollkommen legitim, wenn sich die Studierenden in ihren Projekten und Abschlussarbeiten auf die Analyse und das bloße Verstehen von Transformationsprozessen konzentrieren, ohne dies direkt in eine Intervention zu übertragen. Gleichwohl haben wir diese Interventionskomponente miteingebaut, einerseits in dem Modul Transformationsdesign, andererseits über Projektarbeiten. Das Designverständnis im weiteren Sinne spielt also eine Rolle, Designfragestellungen im engeren Sinne werden bei uns nur am Rande diskutiert. In Braunschweig oder beim Master Eco-Social Design in Bozen ist spielt die Designkomponente eine deutlich größere Rolle als bei uns.

Das spezifische von unserem Studiengang im Vergleich zu den bereits genannten oder anderen ähnlichen ist, dass unser Studiengang stärker theoretisch fundiert ist und sehr klassisch akademisch arbeitet. Letztlich geht es viel um Lektüre von Texten und das Verstehen von Theorien.

 

Hans Sauer Stiftung:
Transformation ist ein enorm großes Thema. Auf der Homepage schreiben Sie, dass man nun „den Wandel studieren kann“. Ist das nicht etwas überheblich?

Michaela Christ:
Ne (lacht), also zumindest ist es nicht so gemeint. Es ist eher getragen von dem Verständnis, dass sich die Gesellschaft schon immer wandelte und auch immer weiter wandeln wird und man diese Wandlungsprozesse systematisch und wissenschaftlich hinsichtlich unterschiedlicher Dimensionen untersuchen kann. Natürlich tun wir das vor dem Hintergrund einer drängenden sozial-ökologischen Fragestellung. Wir beschäftigen uns also nicht mit allen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, die es gegeben hat, sondern beispielsweise mit dem Wandel ökonomischer Systeme, von Energieregimen oder von Geschlechterverhältnissen.

Für die Studierenden werden Transformationsprozesse sichtbar, gerade wenn wir auf die letzten 200 Jahre blicken, sehen wir, wie umfassend diese Veränderungen in jüngster Zeit gewesen sind. Sie erkennen, dass sich auch in der Zukunft etwas grundlegend ändern kann. Die Überzeugung, dass man als Einzelne/r und als Gesellschaft ohnmächtig ist, kann so eingehegt und Handlungsfähigkeit aufgezeigt werden.

Bernd Sommer:
Natürlich liegt dabei kein Masterplan vor, der deutlich macht, welche Schritte verfolgt werden müssen, um Transformation anzuregen. In dem Sinne wäre es dann überheblich: ‚Wenn man Transformationsstudien studiert hat, dann weiß man, wie man DIE Klimakrise löst‘ – das geht natürlich nicht. Aber es werden zahlreiche Impulse vermittelt, die einem helfen können, sozial angepasste Lösungen für verschiedene Nachhaltigkeitsprobleme zu finden.

 

Hans Sauer Stiftung:
Die Übersetzung der Ideen in Handlungsschritte ist das entscheidende Element in den Modulen Transformationspraxis und Transformationsdesign. Können Sie Projektbeispiele der Studierenden nennen, die Sie besonders inspiriert haben?

Michaela Christ:
Wir haben verschiedene Module, in denen Studierende Praxiserfahrung sammeln können. Das eine ist das Transformationsdesign-Modul, in dem Studierende lernen, wie man eine gute Idee in die Umsetzung bringt. Dabei entwickeln sie so etwas wie ein Businessplan für soziale Projekte und lernen Social Entrepreneurship kennen. Das andere sind tatsächlich Transformationspraxismodule in denen insbesondere klassische Praktika in einer sozial-ökologischen Institution oder Organisation gemacht werden. Gemessen an den Punkten, die man für den Praxisteil bekommt, nimmt diese Komponente aber einen sehr kleinen Teil des Studiums ein (ca. 1/6 der Gesamtpunktzahl).

Bernd Sommer:
Die Studierendenprojekte, die im Rahmen dieser Module entstehen, sind sehr vielfältig. Aktuell haben acht Studierende sehr intensiv in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Hamburg an einem Transformationskongress gearbeitet. Ein weiteres Projekt umfasste eine Art Online-Journal, das versucht lokale Initiativen, die im Bereich Nachhaltigkeit, der Transformation oder des alternativen Wirtschaftens in der Region aktiv sind, zu vernetzen und sie sichtbar zu machen. Andere Studierende haben versucht das Mensaangebot an der Uni in Flensburg grüner zu gestalten, sprich den Anteil an vegetarischer und veganer Kost zu erhöhen.

 

Hans Sauer Stiftung:
Nach den Erfahrungen aus den letzten Jahren, wie kann man Transformation gut lehren?

Michaela Christ:
Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen, der wir als Verantwortliche solcher Studiengänge begegnen. Unser Weg ist es, Wissen und Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen, die es in Bezug auf historische Wandlungsprozesse und gegenwärtige Gesellschaften gibt. Damit wollen wir Ansatzpunkte sichtbar machen, wie Gesellschaft veränderbar ist, und wo es möglicherweise auch Grenzen gibt. Auch wir befinden uns dabei in einem Lernprozess.

Die Studierenden erwarten zumeist, dass Inhalt und Form in ihrem Studium korrespondieren. Ich erlebe durchaus eine Wechselwirkung zwischen den großen Ambitionen der Studierenden und der Bereitschaft der Lehrenden darauf einzugehen. Die Studierenden kommen mit großem Engagement und der Bereitschaft viel zu arbeiten. Dementsprechend sind dann auch die Lehrenden herausgefordert, ihr Programm anzupassen, Sitzungen freizuräumen oder andere als die üblichen Lehrformate zu wählen. Es herrscht eine sehr angenehme und solidarisch-kooperative Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Studierenden.

Das liegt, nicht zuletzt, am Transformationskolloquium, einer Veranstaltung, die sich durch alle vier Semester zieht. Das Kolloquium dient unter anderem der permanenten Evaluation des Studienprogramms. Wir sprechen darüber, was gut funktioniert, was verbessert werden kann, wo Modifikationen nötig sind etc., sowohl in Bezug auf die Inhalte und die Organisation des Studiengangs, als auch was das gemeinsame Miteinander im Studiengang angeht.

 

Hans Sauer Stiftung:
Was sind die größten Herausforderungen, denen sich die Studierenden stellen müssen?

Bernd Sommer:
Eine Herausforderung liegt sicher darin, dass es weder in Bezug auf Theorien noch in Bezug auf Methoden einen gemeinsam geteilten Boden gibt, von dem man startet. Es ist sehr unterschiedlich, wie Wissenschaft verstanden wird. Studierende aus den Naturwissenschaften oder mathematischen Disziplinen haben ein anderes Forschungsverständnis als Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen.

 

Hans Sauer Stiftung:
Ihre Studierenden kommen tatsächlich aus ganz unterschiedlichen Disziplinen?

Michaela Christ:
Bei uns können sich alle Studierenden bewerben, die 30 Leistungspunkte in Geistes-, Umwelt-, oder Sozialwissenschaften vorweisen. Bei uns studieren Klimaphysiker und Architektinnen, Designerinnen und Soziologen und viele andere mehr. Das Lehrangebot kommt aus der Soziologie, der Ökologie, der Philosophie, den Erziehungswissenschaften, der Kunst, der Germanistik und der Ökonomie. Die Vielfalt der Perspektiven und Wissensbestände sowohl auf Seiten der Lehrenden als auch bei den Studierenden macht sicher den Reiz dieses Studiengangs aus, bringt aber auch hohe Anforderungen für alle Beteiligten mit sich.

 

Hans Sauer Stiftung:
Würden Sie sagen, dass Sie die Zielgruppe erreichen, die Sie erreichen möchten?

Michaela Christ:
Das glaube ich schon. Je bekannter der Studiengang wird umso diverser wird unsere Studierendenschaft. Während sich im ersten Semester vor allem Studieninteressierte beworben haben, die bereits in der Diskussion um gesellschaftliche Transformation verankert waren, kommen jetzt auch mehr Studierende, die das Thema interessant finden, aber bisher noch nicht daran gearbeitet haben. Zunehmend sind unter den Bewerber*innen auch Menschen, die nicht direkt von der Uni kommen, sondern die zum Beispiel in NGOs zu den Themen des Studiengangs gearbeitet haben und sich jetzt noch einmal intensiver theoretisch weiterbilden wollen.

Bernd Sommer:
Darüber hinaus denke ich, dass trotz der Heterogenität viele das gemeinsame Grundverständnis eint, dass die Gesellschaft wie sie heute besteht, nicht zukunftsfähig ist – in sozialer und ökologischer Hinsicht. Dementsprechend besteht der Wunsch über Möglichkeiten nachzudenken und etwas zu verändern. Durch diese geteilte Motivation können die verschiedenen Hintergründe sehr fruchtbar vereint werden. Damit zu arbeiten, ist eine große Freude.

 

Hans Sauer Stiftung:
Den Studiengang gibt es nun seit vier Semestern. Die erste Kohorte ist jetzt dabei ihre Masterarbeiten zu schreiben. Welche Eindrücke machen deren Masterarbeiten auf Sie?

Michaela Christ:
Auch hier sind die Themen sehr breit gefächert. Ich betreue einen Studenten, der sich mit der Nord-Stream-Pipeline beschäftigt und fragt, wieso das Projekt eigentlich realisiert wird, obwohl sehr viele ökologische und ökonomische Aspekte dagegensprechen, hier geht es also um die Beharrungskräfte des Gegenwärtigen. Dann gibt es Studierende, die sich mit gegenwärtigen Transformationspraktiken oder Räumen des Wandels beschäftigen. Also zum Beispiel mit FabLabs oder Bibliotheken als Orten der Transformation. Andere setzen sich mit historischen Transformationsprozessen auseinander.

Was man an den Masterarbeiten sehen kann, ist, dass die Heterogenität der am Studiengang beteiligten keine einheitliche Perspektive auf die Welt hervorbringt. Manche Studierende knüpfen an das an, was sie aus dem Bachelor mitbringen. Sie reflektieren vor dem Hintergrund des Studiengangs das, was sie bisher gelernt haben. Eine Architektin etwa forscht dazu, wie sich Flensburgs koloniale Vergangenheit im städtischen Raum wiederfindet.

Bernd Sommer:
Das kann ich so unterstreichen. Ich habe eine Masterstudentin, die sich zum Beispiel mit den Implikationen und den Folgen des Nicht-Fliegens beschäftigt. Sie untersucht, was es in einer Welt, in der Mobilität als positive Norm gesehen wird, für den persönlichen und beruflichen Werdegang bedeutet, wenn jemand aus Klimagründen keine Flugreisen mehr macht. Auch betreue ich eine theoretische Arbeit, die sich mit kulturellen Wachstumstreibern beschäftigt. Dabei werden mentalen Infrastrukturen in der Kultur untersucht, die diese Dynamik des „immer mehr“ und „immer schneller“, unabhängig von ensprechenden Anforderungen der Ökonomie oder Politik, vorantreiben.

 

Hans Sauer Stiftung:
Zeichnet es sich schon ab, wo Ihre Absolventen und Absolventinnen nach dem Studium landen?

Bernd Sommer:
Auch da scheint es unterschiedliche Präferenzen zu geben. Es gibt einige, die über einen akademischen Werdegang nachdenken, während es für andere ganz klar ist, dass sie praktisch tätig sein wollen. Es ist interessant, dass einige Studierende schon während der Studienzeit in bestehende Flensburger Initiativen einbringen oder Initiativen selbst gegründet haben.

 

Hans Sauer Stiftung:
Wo sehen Sie den Studiengang in fünf Jahren?

Michaela Christ:
In fünf Jahren beteiligen sich hoffentlich unsere Alumni, die dann in Organisationen und Institutionen tätig sind und ihr Wissen praktisch anwenden, an der Weiterentwicklung des Studiengangs. Außerdem wünsche ich mir, dass dieser Studiengang eine gewisse Form von Wirkungskraft entfaltet hat, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Universität. Wir haben darüber gesprochen, dass die Studierenden mit sehr viel Lust und Energie für Veränderung hierherkommen und ich hoffe, dies zeigt dann hier und da Wirkung.

Bernd Sommer:
Möglicherweise wird der Studiengang Transformationsstudien in fünf Jahren in Englisch unterrichtet. Wir haben bisher vor allem Interesse aus dem deutschsprachigen Ausland, auch weil es diese Hürde gibt. Wenn in fünf Jahren auf Englisch unterrichtet wird, dann kann sich der Studiengang noch weiter internationalisieren und wir können auch Studierenden Angebote machen, die nicht deutsch sprechen und in diesem Zuge Kooperationen mit Studiengängen im Ausland weiter ausbauen.

 

Hans Sauer Stiftung:
Was wünschen Sie sich konkret für den nächsten Jahrgang, der nun im Herbst kommt?

Michaela Christ:
Ich wünsche mir, dass diese heterogene Zusammensetzung weiterhin bestehen bleibt und dass dieser Ruf, dass es ein sehr theoretischer oder sozialwissenschaftlicher Studiengang ist, nicht dazu führt, den Kreis der Interessent*innen zu verkleinern. Alle Interessierten sind übrigens herzlich eingeladen nach Flensburg zu kommen und hier zu hospitieren.

Bernd Sommer:
Mein Wunsch schließt eigentlich genau da an. Der Enthusiasmus, den viele Studierende mitbringen, ist im Vergleich zu anderen Studiengängen, in denen ich bereits unterrichtet habe, etwas ganz Besonderes. Die Studierenden haben einen starken Wunsch, das Studienprogramm mitzugestalten. Das ist für die meisten Dozierenden eine neue Erfahrung. Gleichzeitig manifestiert sich das mitgebrachte Engagement in und um die Universität herum. Diese Aktivitäten erfahre ich als ganz besonders und wünsche mir, dass das genau so weitergeht.

 

 

// Vielen Dank für das Gespräch

 

Interview: Nadja Hempel, Hans Sauer Stiftung