Interview mit Kris Krois

Kris Krois ist Associate Professor an der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen. Er hat gemeinsam mit seinen Kollegen und Kolleginnen den Master Eco-Social Design ins Leben gerufen.

Mit der Social Design Redaktion kam er bereits zweimal ins Gespräch: In dem ersten Interview drehte sich noch alles um den damals geplanten Masterstudiengang „Glocal Design“. In dem zweiten Gespräch erzählte er, wie die Studienprogrammatik und der Name seither angepasst wurden, welche Erfahrungen sie mit dem M.A. Eco-Social Design gemacht haben und wo er den Studiengang in fünf Jahren sieht.

Hans Sauer Stiftung:

Guten Tag, Herr Krois. Im Februar 2015 hat die Hans Sauer Stiftung bereits ein Interview mit Ihnen über den damals von Ihnen und Ihren KollegInnen geplanten Master Glocal Design an der Freien Universität Bozen geführt. Heute heißt der Master Eco-Social Design. Woher kam die Namensänderung?

Kris Krois:

Der Name Glocal Design wurde vom Ministerium in Rom schlichtweg abgelehnt. Mittlerweile sind wir aber sogar ganz froh über den Namen Eco-Social Design, weil wir finden „ökosozial“ bringt die Richtung in einem Wort auf den Punkt. Es geht um gesellschaftlichen Wandel, der ein nachhaltiges, ökologisch verträgliches Leben und Wirtschaften ermöglicht. Die Bestimmung der Richtung fehlt mir bei Begriffen wie Social Design und Soziale Innovationen. Welche soziale Innovation ist gemeint? Die Bezeichnung „Eco-Social“ konkretisiert das.

 

Hans Sauer Stiftung:

Wurde außer dem Namen auch die Studienprogrammatik angepasst?

Kris Krois: 

Nicht auf Grund der Kritik des Ministeriums. Das Motto „think global – act local“ passt immer noch, auch wenn wir dazu übergegangen sind den Begriff “trans-local” zu verwenden, was auf die Verbindung und Bewegungen zwischen verschiedenen Orten hinweist, ohne notwendiger Weise global zu sein. Der Fokus auf lokal situierte Arbeitsweisen passt zum Standort Bozen. Südtirol ist klein strukturiert. In kleinen Strukturen ist es einfacher, sich Richtung Nachhaltigkeit und Resilienz zu bewegen, als in großen. Studierende können bei uns diese Arbeitsweisen lernen, um sie später woanders anzuwenden und weiter zu entwickeln – angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten.

 

Hans Sauer Stiftung: 

In dem Master dreht sich dann auch alles um das eigene, lokale Projekt.

Kris Krois: 

Genau genommen nicht nur um ein Projekt, sondern jeweils eines in den ersten beiden Semestern und ein größeres im zweiten Jahr. Letzteres ist Teil der Abschlussarbeit und ist vollkommen frei von den jeweiligen Studierenden gestaltet. Die Projekte im ersten Jahr hingegen sind inspiriert von unserem Jahresthema, das immer sehr offen ist – bisher „Essen“ und „Commoning“. Große Themen also, aus denen jede/r etwas machen kann, und die alle Lehrenden aus ihrer Perspektive bearbeiten können. Im ersten Semester geben wir inzwischen etwas mehr vor, weil es sich als zu schwierig erwiesen hat, in Teams von unterschiedlichsten Studierenden, die gerade erst frisch angekommen sind, vollkommen frei Projekte zu entwickeln. Folglich stellen wir im ersten Projekt für alle Studierenden ein oder maximal zwei externe Partner zu Verfügung, mit denen wir bereits im Vorfeld den Kontext und die Zielrichtung geklärt haben. In diesem Rahmen entwickeln dann studentische Teams ihre eigenen Projekte. Während das zweite Semester mit dem sogenannten Partner Forum beginnt, in dem sich Studierende und verschiedene Partner kennen lernen, um dort an gemeinsame Projekte zu entwickeln. Und wer mit keinem der Partner arbeiten möchte, kann selbst einen Partner “mitbringen”. Die einzige Vorgabe ist es, mit diesem in einem realen Feld außerhalb der Uni zu arbeiten.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Können Sie ein konkretes Projekt der Studierenden nennen, in welchem Sie die Prinzipien des Studiengangs gut umgesetzt finden?

Kris Krois: 

Klar! Da haben wir total verschiedene.

Ein Partner im vergangenen Semester war zum Beispiel Vispa Teresa, eine Institution der Sozialen Arbeit im Bozener Süden. Die Leute von Vispa Teresa haben sich mit dem Interesse an uns gewendet, mit anderen Mitteln zu experimentieren als mit den konventionellen der Sozialarbeit. Lea Luzzi und Pedro Faim haben dann ein Semester lang in, mit und für eine spezifische Nachbarschaft gearbeitet, die an den typischen Problemen von reinen Wohnstätten mit vielen Sozialwohnungen und wenig nachbarschaftlichen Infrastrukturen leidet. Die beiden Studierenden haben schlussendlich eine temporäre Bushaltestelle entworfen und gebaut. Diese fehlte dort tatsächlich. Die Studierenden haben aber weit mehr gestaltet als ein Bushäuschen. Ihre “Non-Stop” ist mit einer Schaukel ausgestattet, mit einem Bücher- und Spielzeug-Tauschregal und einem Schwarzen Brett. Ein bis zwei Mal pro Woche werden dort Konzerte, Lesungen, Spiele, Feste und vieles mehr stattfinden. Nicht nur eine Bushaltestelle hat gefehlt, sondern ein Ort für nachbarschaftliches Leben. Ziel ist es, dass sich aus dem temporären Experiment etwas Dauerhaftes entwickelt – zusammen mit den BewohnerInnen, Vista Teresa und der Stadt Bozen. Ein solches schrittweises Experimentieren, Aktivieren und Entwickeln zusammen mit den Betroffenen ist typisch für viele Projekte im Eco-Social Design.

Ein anderes Element das immer wieder in Projekte eine Rolle spielt ist “Circular Economy“. Wir hatten beispielsweise ein Projekt mit der Bürgergenossenschaft Obervinschgau, wo Terra Preta, eine Alternative zum Kunstdünger, als lokaler materieller und wirtschaftlicher Kreislauf etabliert werden soll. Die Studierenden Lisa Zellner und Henrik de Goffau haben nicht in Top-Down-Manier ein System konzipiert, sondern ein solches zusammen mit einem Netzwerk von Bauern, Wissenschaftlern und anderen Akteuren skizziert. Zusätzlich haben sie eine visuelle Identität, Verpackungen und eine Ausstellung zum Thema gestaltet, die sinnlich-poetische Qualitäten hat. Die ästhetische und emotionale Dimension halte ich für enorm wichtig – gerade wenn es um komplexe und problembeladene Themen geht. Angefangen haben die beiden aber mit ethnografischen Studien, unterstützt von Elisabeth Tauber, die bei uns “Cultural Anthropology” lehrt. Eine derartige Verquickung von Designpraktiken und Sozialwissenschaften findet in den meisten Projekten statt.

Es gibt aber auch ganz andere Projekte zum Beispiel mit Partnern aus Forschungsinstitutionen oder Unternehmen, die ökosoziale Interessen verfolgen und an einer ergebnisoffenen Zusammenarbeit interessiert sind. Die klassische Auftragsarbeit, in der Designer üblicherweise arbeiten, wollen wir bewusst nicht. Wir haben also nie das Unternehmen X, das das Produkt Y am Markt sichtbar machen und verkaufen will. Ökosoziale DesignerInnen sind als Entwickler viel grundlegender involviert und übernehmen damit auch Mitverantwortung für das gesamte Projekt, nicht nur für die formale und funktionale Gestaltung.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Nach den Erfahrungen aus den letzten Jahren: Wie kann Design gut gemacht, gelehrt und gelernt werden?

Kris Krois: 

Bestimmt auf viele Arten. Bei uns steht im Mittelpunkt die Entwicklung der eigenen Praxis der Studierenden. Im Prinzip funktioniert das wie bei Montessori: Wir bieten ein anregendes, sehr gut ausgestattetes Umfeld und viel Input und Reflexion von verschiedenen Richtungen. Was die Studierenden dann daraus machen, liegt bei ihnen. Wir Lehrende sind nicht nur Input-GeberInnen, sondern engagieren uns als kritische und konstruktive BegleiterInnen. Ich denke, das ist sehr zeitgemäß, nicht nur in ökosozialen Studiengängen. Es gibt immer weniger festdefinierte Berufe, die einmal erlernt und ein ganzes Berufsleben lang ausgeübt werden. Gefragt ist die Fähigkeit schnell zu lernen, eigenständig und kreativ zu arbeiten, und Verantwortung zu übernehmen. Diese Metakompetenzen bilden wir sehr gut aus, indem wir einen Übungsraum bieten, in dem erprobt und experimentiert werden kann. Solche Räume des Experimentierens, wo auch das Nicht-Gelingen Teil des Spiels ist, brauchen wir mehr. Das gesamte Schulsystem sollte darauf hin ausgerichtet sein, sodass junge Menschen lernen, Verantwortung zu übernehmen, für das eigene Leben und Arbeiten – in einem umfassenden Sinn. Das halte ich für essentiell, damit die wirklichen Herausforderungen der Zeit angegangen werden können, anstatt nur vorgegebene Aufgaben abzuarbeiten. Niemals mehr soll jemand sagen können “ich war doch nur Befehlsempfänger”. Natürlich gibt es bei uns heute kaum explizite Befehle, aber einen subtilen, jedoch wirkmächtigen Konformitätsdruck, und vor allem Angst und Unsicherheiten. Doch zumindest all die Mittelstandskinder, -Eltern und Großeltern in unserer Gesellschaft sind extrem privilegiert und frei. Dieses positive Potential gilt es zu entfesseln, für eine ökosoziale Transformation, die nicht nur nachhaltiger, sondern auch glücklicher macht.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Wo landen Ihre AbsolventInnen nach dem Studium, wenn nicht in den etablierten Berufsfeldern?

Kris Krois: 

Das ist momentan interessant zu sehen, denn nach drei Jahren haben wir jetzt die ersten AbgängerInnen. Zum Beispiel Lena Rieger, die als erste ihren Abschluss gemacht hatte, arbeitet inzwischen bei einer Agentur, die auf Campaigning für NGOs spezialisiert ist. Campaigning ist ein Feld, das bei uns so zwar nicht gelehrt wird. Das selbstständige Erarbeiten von Projekten, das Organisieren von Teams, das moderieren des Dialoges mit Stakeholdern, die Kreation und Darstellung von Erzählungen – all dies sind Kompetenzen, die bei unseren Studierenden gestärkt werden. Für Lena ist das in ihrer Arbeit nützlich, aber tatsächlich in einem spezifischen Feld, welches es bei uns so nicht gibt. Das ist sehr erfreulich!

 

Hans Sauer Stiftung: 

Jetzt haben wir von Ihren AbsolventInnen gesprochen, von welchem Schlag sind denn die neu ankommenden Studierenden?

Kris Krois:

Vielfältig sind deren Hintergründe. Die meisten haben irgendeine Art von Design studiert und wollen sich noch einmal neu orientieren, aber nicht alle. Wir nehmen auch Studierende aus anderen Studiengängen. Momentan haben wir oder nehmen wir gerade StudentInnen auf, die verschiedenes studiert haben wie: Nachhaltigkeitswissenschaften, Urban Planning, Kulturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Forstwirtschaft. Wichtig ist uns, dass die angehenden Studierenden in der Lage sind, Projekte mitzugestalten und umzusetzen. Deshalb verlangen wir von den BewerberInnen ein Portfolio von Projekten – nicht unbedingt aus dem Bereich Design – und 10 Kreditpunkte in designaffinen Disziplinen. Wer diese nicht hat, kann sie im Vorfeld der Bewerbung bei uns machen.

 

Hans Sauer Stiftung: 

In dem Fall würden Sie sagen, dass Sie die Zielgruppe erreichen, die Sie erreichen wollen?

Kris Krois: 

Jein.

Wir erreichen Leute, die wir erreichen wollen, und das ist super. Wir haben aber zu wenig männliche Bewerber und zu wenige, die nicht aus dem deutschsprachigen Raum oder aus Italien kommen. Das liegt an den hohen Sprachanforderungen der dreisprachigen Universität. Voraussichtlich werden wir aber den Studiengang in einem Jahr komplett auf Englisch umstellen. Interessant wären auch Bewerber, die ein starkes Interesse an User Experience, Interaction und Interface Design haben, und an den damit verbundenen Technologien und Medien. Deren Potentiale werden bei uns momentan noch nicht voll ausgeschöpft, obwohl wir sehr kompetente Lehrende in diesen Bereichen haben. Interessanterweise haben unsere Studierenden häufig mehr Interesse mit analogen Mitteln zu arbeiten. Natürlich erstellen sie für ihre Projekte Websites und nutzen “Soziale Medien“. Sie erweitern aber selten die Möglichkeiten des Mediums selbst.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Analog – ist das der Puls der Zeit?

Kris Krois: 

Durchaus sehe ich bei den Studierenden eine Sehnsucht nach Dingen, die man wortwörtlich begreifen kann. Zusätzlich nehme ich an, dass die Vorsilbe „ökosozial“ nicht gerade Technik-Nerds anzieht. Ich fände es bereichernd, wenn wir einige kreative Ingenieure und visionäre Medienstrategen dabeihätten.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Würden Sie den Studiengang selbst studieren?

Kris Krois: 

Natürlich sofort, das ist ja klar (lacht). Ich habe den Studiengang ja hauptsächlich mal für mich gemacht. Scherz beiseite, der Studiengang ist natürlich eine einzige Fortbildungs- und Weiterbildungsmaßnahme auch für die Lehrenden. Denn Ökosoziales Design ist ein offenes Feld, eine Richtung, und keine Disziplin. Es wird fortlaufend entwickelt, in einem Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden, und in transdisziplinären Projekten. Die Zusammenarbeit unter Lehrenden ist bei uns extrem anregend und nicht immer reibungslos mit sehr verschiedenen Disziplinen und Kulturen.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Wo sehen Sie den Studiengang in fünf Jahren?

Kris Krois: 

Ich hoffe, dass wir jedes Jahr dazu lernen auf eine Weise zu arbeiten, die den dringend nötigen ökosozialen Wandel voranbringt, und alle Studierenden dabei unterstützt die effektivste und passenste Rolle in diesem Wandel zu entwickeln. In der damit verbundenen Komplexität die richtige Balance zu finden, zwischen “Overload” und Synergien, analytischem und intuitiven Verstehen, strukturiertem Arbeiten und lockerem Spiel, zwischen Tun und Reflexion – all das und mehr werden wir in 5 Jahren noch besser können, inklusive der Fähigkeit sinnvoll Prioritäten zu setzen.  Lehren und Lernen soll offen, dialogisch, transdisziplinär und praxis-orientiert sein. Denn wichtig sind nicht nur andere Inhalte, sondern auch eine andere Lehre.

Nach außen sehe ich uns in 5 Jahren als einen Eckpunkt in der europäischen Landschaft von Designstudiengängen, die ernsthaft zu nachhaltigem sozialen Wandel beitragen und untereinander in einem regen Austausch sind. Außerdem glaube ich (Öko-)soziales Design wird abfärben auf (fast) alle Designstudiengänge und ein normaler Bestandteil der Designbildung werden, so wie Web-Design es geworden ist, was in den 90ern noch eine Besonderheit war, die es nur an wenigen spezialisierten Studiengängen gab.

Wir wollen also rasch diese Richtung entwickeln, sichtbar machen und damit Wirkung entfalten. Denn das hat in Anbetracht der desaströsen Entwicklungen eine gewisse Dringlichkeit. Nicht, dass wir als Designer alleine die Welt retten können, aber wir können lernen, wie wir maßgeblich dazu beitragen – und dabei bei Laune bleiben, denn wie schon Emma Goldwinn sagte: “If I can’t dance, it’s not my revolution!”

Eine gute Gelegenheit, mehr davon zu erfahren, ist unsere jährliche Konferenz „By Design or by Disaster“, die im Jahr 2019 voraussichtlich vom 11. bis zum 14. April stattfinden wird. Wer dazu informiert werden möchte, kann unseren Newsletter oder den Feed unseres Blogs abonnieren, oder die übliche Social Updates verfolgen (facebook, twitter).

 

// Vielen Dank für das Interview.

 

Interview: Nadja Hempel, Hans Sauer Stiftung

Hans Sauer Stiftung:

Guten Tag, Herr Krois. Was ist Ihr persönlicher Bezug zum Thema Social Design und wo sehen Sie Ihre Rolle?

Kris Krois:

Einerseits sehe ich meine Rolle in meiner Arbeit als Professor. Andererseits bin auch Designer und Gestalter der visuellen Kommunikation mit einer leichten Tendenz zum sogenannten User Experience Design. Und außerdem bin ich Bürger, Mensch, kritischer Konsument, politisch interessiert, und vieles mehr.
Das alles zusammen führt mich letztendlich zu der Frage: „Was kann man am besten tun? Was ist im Rahmen meiner Kompetenz und meiner Möglichkeiten eigentlich vorhanden, das ich auf Basis dieser privilegierten Situation einer Professur unternehmen kann?“

In letzterem Fall setze ich mich für die Schaffung des Studiengangs Glocal Design ein. Der Master basiert darauf, wie Design gut gelehrt, gemacht und gelernt werden kann – ganz unabhängig von social oder nicht. Mit Studierenden, denen Eigenständigkeit zugesprochen wird und denen man Raum für eigene Entwicklung gibt. Mit einem breiten Horizont einerseits, und andererseits mit normativen Werten, die Gesellschaft und Umwelt betreffen.

 

Hans Sauer Stiftung:

Die Ansprüche, die an solch einen holistischen Ansatz gestellt werden, sind hoch gesteck. Können Sie ein konkretes Projekt nennen, das Sie persönlich begeistert und in welchem Sie die angesprochenen Prinzipien gut umgesetzt finden?

Kris Krois:

Ja, da gibt es viele. Am besten, ich erzähle von einem bewusst sehr einfachen, aber gut durchdachten Projekt. Denn viele denken, ein Entwurf müsse immer auf großer Ebene riesige Veränderungen bewirken. Deshalb scheitert man oft schon allein beim Gedanken an die Umsetzung aufgrund der Ohnmacht, die man gegenüber dieser Aufgabe empfindet. Ein schönes Beispiel einer kleinen Intervention ist ein Projekt, das ein Kollege bei uns an der Universität von Bozen gemacht hat.

Jener Kollege hat beobachtet, dass überall in der Universität Getränkeautomaten stehen, in denen in PET-Flaschen Softdrinks und Wasser angeboten werden. Diese wurden von vielen Menschen gekauft, weil es kein anderes Angebot gab. Er hatte daher die Idee, Mehrwegflaschen aus Aluminium anzubieten und organisierte eine große Menge davon günstig, gestaltete sie, brandete sie mit dem Logo der Universität und bot sie für wenige Euro an. Seitdem sieht man diese Flaschen überall am Gelände und sie werden von den Studierenden mit Bozner Leitungswasser gefüllt. Die Besitzer dieser Flaschen wurden zugleich zu Botschaftern der Idee und der PET-Flaschen-Verkauf ging zurück.

 

Hans Sauer Stiftung:

Das Projekt zeigt gut, wie man gestalterische Werkzeuge dazu nutzen kann, für einen nachhaltigen Zweck zu werben. Das heißt, das sonst oft negativ empfundene Branding lässt sich für einen positiven Zweck verwenden?

Kris Krois:

Ja, genau. Ich sehe Branding an sich zwar auch oft kritisch, aber ich glaub es ist so ein mächtiges und gutes Mittel, so lange es authentisch ist. Branding ist meiner Meinung nach dann schlecht, wenn das Markenimage mit den Realitäten von Produktion und Vertrieb nicht übereinstimmt. Wenn es aber übereinstimmt und die Marke menschenfreundlich und naturverbunden ist und die Art, wie da produziert und vertrieben wird, und der Konsum in keinem allzu großen Widerspruch zueinander stehen, dann habe ich nichts daran zu meckern. Im Gegenteil, es hilft dann, eine gute Idee zu vertreiben.

 

Hans Sauer Stiftung:

Nun konkret zu dem neuen Master in Glocal Design an der Freien Universität Bozen. Lokal und Global. Die beiden Begriffe erscheinen zunächst einmal widersprüchlich und entgegengesetzt. Wie lassen sie sich vereinen und was genau meint ihr mit „glocal“?

Kris Krois:

Hierbei geht es in erster Linie darum, lokal prototypische Projekte zu entwickeln, die in nachhaltigen wirtschaftlichen Kreisläufen funktionieren, und diese dann auf andere Orte anzupassen und miteinander zu vernetzen. Das ist die globale Dimension darin: das Potenzial in der Multiplikation und der Vernetzung und dass das lokale Projekt schon mit dem Bewusstsein einer globalisierten Welt und nicht aus einem limitierten Lokalpatriotismus heraus gestaltet wird.

Darin sehe ich viel Potenzial, weil es leicht umsetzbar ist. Und weil ich sehe, dass ich und viele andere darin kompetent sind. Ich bin leider nicht fähig, alleine das Weltwirtschaftssystem zu ändern. Aber beim glocal-Konzept besteht die Möglichkeit des Zusammenschlusses und der Vernetzung von vielen lokalen Initiativen, die alternative Realitäten und Wirtschaftskreisläufe erzeugen, und oft die Unterstützung und Zusammenarbeit mit Designern brauchen können.

 

Hans Sauer Stiftung:

Welche Rolle können oder sollten Designer in solchen Projekten übernehmen?

Kris Krois:

Da gibt es natürlich tausende Möglichkeiten. Den einen perfekten Weg gibt es nicht, das hängt vom Projekt und auch von den Designern ab, von deren Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten. Grundsätzlich aber gibt es neben der klassischen Designarbeit, also Produkte oder Kommunikationen zweckerfüllend und attraktiv zu gestalten, etwas, das möglicherweise eine noch größere Bedeutung hat. Das ist die Rolle als Fazilitator.

Auch in Businesskontexten ist es häufig die Aufgabe des Designers, Ideen, Kompetenzen, Technologien, Strategien und Methoden aus verschiedenen Hintergründen so miteinander zu verbinden, dass dabei etwas Produktives entsteht. Designer sind prädestiniert für diese Rolle. Ich glaube, der Unterschied zu anderen Fazilitatoren oder Managern ist, dass Designer nochmal eine andere Sprache haben, nämlich ihr Design, um die Ergebnisse des Prozesses zusammenzufassen und sichtbar zu machen.

 

Hans Sauer Stiftung:

Aus Ihrer Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit Nicht-Designern, wie zum Beispiel Initiativen, NGOs oder Unternehmen, muss man sich als Designer erst noch erklären, oder ist das Bild vom Designer als Faziliator schon in den Köpfen deiner Kunden verankert?

Kris Krois:

Sowohl in meiner Karriere als Designer in einem Businesskontext, als auch in mehr sozial-orientierten Projekten hatte ich kaum Probleme damit, als jemand verstanden zu werden, der ganzheitlich denkt und den Dingen nicht nur eine schöne Form gibt. Das ist zwar schon noch oft das vorherrschende das Bild, das viele von Design haben, aber sobald man mit den Menschen ins persönliche Gespräch kommt – sei es mit dem Marketingleiter oder mit dem Kreis von Leuten, die eine Bürgerinitiative vorwärts bringen oder dem Biobauern-Verband –, stellen beide Seiten fest, dass man gemeinsam etwas entwickeln kann. Deswegen ist es wichtig für Designer in solchen Rollen, gut kommunizieren zu können und das gerne zu tun.

 

Hans Sauer Stiftung:

Projektarbeit und Kommunikation sind auch fest in euren Lehrplänen für den Master Glocal Design verankert.

Kris Krois:

Ja, das ist fester Bestandteil. Bei der Projektarbeit soll beachtet werden, dass die Studierenden gemeinsam mit externen Stakeholdern entwickeln und andere Experten miteinbeziehen, die Kompetenzen abdecken, die sie selbst als Designer nicht abdecken können. Allein ist man nämlich relativ beschränkt.
Zusätzlich lehren wir Methoden der Moderation und Partizipation. Da gibt es sehr effektive Methoden, die man lernen kann und die man nicht zwingend direkt durch die Projektarbeit erfährt.

 

Hans Sauer Stiftung:

Der Master startet im Herbst 2015. Welche Wünsche haben Sie für das erste Jahr und den ersten Jahrgang? Und könnten Sie ganz persönlich zusammenfassen, welches Ziel Ihr als Professoren mit diesem Master verfolgt?

Kris Krois:

Ein erstes Ziel ist, ein Kollegium zu etablieren, das dieses Projekt gemeinsam voranbringt. Wir werden neue, sehr spannende Lehrende bei uns haben und eben diese multidisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur im Konzept, sondern auch zwischen Studenten und Professoren sowie zwischen Professoren und Lehrenden, Forschern und Externen tatsächlich umsetzen. Da freue ich mich drauf!

Was die Studierenden angeht, freue ich mich, wenn sie unterschiedliche Hintergründe mitbringen. Wir nehmen auch Studenten auf, die davor nicht Design studiert haben. Es reicht, wenn sie ein Minimum an 30 ECTS in einem mehr oder weniger entwurfsorientierten Fach mitbringen. Abgesehen davon können sie auch jeden anderen Studiengang belegt haben. Ich hoffe, dass es dadurch zu spannenden Diskussionen und Projekten kommt.

 

Hans Sauer Stiftung:

Es heißt oft, „Wir wissen, wo die Probleme liegen, wir müssen endlich handeln“. Oft scheitert dies an der Zusammenarbeit unter den Projektbeteiligten.

Kris Krois:

Ich glaube, es ist wichtig, dass sich Partner auf grobe Ziele und Werte einigen können. Auch wenn man diese anfangs als einschränkend und normativ empfindet. Diese Grundlage muss geschaffen werden, bevor man über die Art der Zusammenarbeit und die Projekte nachdenkt. Mit weniger Ressourcen mehr sozialen Mehrwert und mehr Lebensqualität zu schaffen, beispielsweise. Leicht gesagt und schwer getan.

 

Hans Sauer Stiftung:

Im Mainstream ist dieser Wertewandel noch nicht wirklich angekommen, aber man sieht immer mehr Initiativen und Designer, die genau dort ansetzen.

Kris Krois:

Designer können mit dazu beitragen, Ressourcen zu schonen und ein gutes Leben für alle zu schaffen, indem sie einen alternativen Lebensstil attraktiv machen. Wenn es früher schon einmal gelungen ist, mit Hilfe von Design und Kommunikationsdesign eine auf permanentes Wachstum fokussierte „Will-Haben“-Gesellschaft zu schaffen, dann kann man mit Design auch eine Umkehr erwirken, eine Werte- und Zieländerung. Und dafür würde ich mich gerne engagieren mit meinen Kompetenzen als Designer.

Das Schöne ist, es gibt immer mehr Designer, die nicht mehr nur elegante Produkte entwerfen möchten, mit denen man Geld verdient, sondern etwas tun wollen, das sie auch mit Sinn erfüllt. Ich glaube, das ist auch Teil der Aufgabe eines Studiengangs, alternative Zielsetzungen und Arbeitsweisen erlebbar zu machen. Also derartige Fragestellungen auch direkt in der Projektarbeit zu formulieren und die Studierenden so an das Thema heranzuführen.

 

// Danke für das Interview

 

@Social Design Elevation Days, Impact Hub Munich

Interview: Anna Várnai, Hans Sauer Stiftung