Interview mit Wolfgang Jonas

Wolfgang Jonas ist Mitbegründer und Leiter des Masterstudiengangs Transformation Design an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Mit einem ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund im Schiffsentwurf und habilitiert für das Lehrgebiet Designtheorie arbeitet er seit mehr als 20 Jahren theoretisch und praktisch in Forschung, Entwicklung und Lehre des Designs.

Im Gespräch mit der Social Design Redaktion äußerte er sich u.a. zur Entwicklung des Studiengangs, umgesetzten Masterprojekten, Zukunftsperspektiven des Programms und seinem persönlichen Bezug zu Social Design.

 

// 30.08.2018

Hans Sauer Stiftung:

Herr Jonas, das noch relativ neue Masterstudium Transformation Design der HBK Braunschweig ist eines der ersten seiner Art, was hat Sie zur Gründung des Studiengangs bewegt?

Wolfgang Jonas: 

Am Anfang hieß unser Masterstudiengang noch “Transportation Design”, denn dieser befasste sich vor dem Hintergrund der durch Volkswagen geprägten Region Braunschweig intensiv mit Mobilitätsforschung. Mit einer radikal transformativen Ausrichtung des Forschungszweiges, war unser Blick stets auf das Erreichen einer postfossilen Mobilität gerichtet. Mobilitätsstrategien, Konzepte und Lebensweisen wurden neu gedacht und gestaltet. Rasch war jedoch klar, dass die von uns behandelte Thematik weit über die Mobilität hinausragte.  Über Jahre hinweg entwickelte sich unser Master weiter und gewann an Breite. Heute sind wir konsequenterweise beim “Transformation Design” gelandet – die Mobilität ist ein prototypisches Feld in diesem Rahmen. Durch KollegInnen wie Saskia Herbert, Architektin und Stadtplanerin, wurde der Blick auf die Stadt als Aktionsfeld geschärft und Themenbereiche wie öffentliche Gemeingüter aufgegriffen. Disziplinen wie Nachhaltigkeit, Kulturwissenschaften, Architektur, Sozialwissenschaften u.a.m. spielen heute eine ebenso wichtige Rolle wie die Mobilitätsforschung. Auch die Studierenden selbst tragen mit Themen wie Migration und globaler Gerechtigkeit zur Vielfalt unserer Studieninhalte bei.

Wir decken also ein breites Spektrum ab. Manchmal frage ich mich auch, ob es zu breit ist, weil man sich dadurch verzetteln und verlieren kann. Auf der anderen Seite ist aber genau das unsere Stärke, von den großen Themen lassen wir uns nicht einschüchtern.

 

Hans Sauer Stiftung:

In der Publikation „Un/Certain Futures – Rollen des Designs in gesellschaftlichen Transformationsprozessen” schreiben Sie, dass das Transformation Design keine neue Disziplin, sondern das neue normale Design ist.

Wolfgang Jonas:

Das ist meine etwas weitreichende Vision, ein großspuriger Gedankengang. Inzwischen sollten wir eigentlich verstanden haben, dass das grundlegende Streben des Designs ein solches sein müsste, das die Welt in Richtung Nachhaltigkeit bewegt – ökologisch, ökonomisch und kulturell. Disziplinen wie die zuvor genannten oder auch das traditionelle Produktdesign verlieren dabei nicht ihre Bedeutung, sondern werden zu Spezialkompetenzen des umfassenden transformatorischen Designs.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Mit welchen Herausforderungen werden Studierende und Lehrende dabei konfrontiert?

Wolfgang Jonas: 

Für die Studierenden und für uns Lehrende ist eine der größten Herausforderungen, die Gratwanderung zwischen dem hohen ethischen Anspruch, die Welt zu verbessern, und den oft sehr deprimierenden Realitäten ökonomischer und politischer Art, mit denen wir dabei konfrontiert werden, zu meistern. Entscheidend ist es dabei sicherlich, einen guten Mittelweg zu finden, um nicht nur Luftschlösser zu bauen, aber auch nicht im harten Pragmatismus zu versauern. Anstatt die großen Themen in ihrer ganzen Komplexität frontal anzugehen, wollen wir also konkrete, praxisnahe, kleine Erfolge erzielen, die in die richtige Richtung weisen.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Können Sie ein konkretes Projekt der Studierenden nennen, in welchem erste kleine Erfolge erzielt wurden?

Wolfgang Jonas: 

Ein sehr schönes Beispiel ist das Start-Up „Cacao de Paz“, welches von Studierenden des Transformation Designs und Kommunikationsdesigns in Zusammenarbeit mit einem Agrarethiker gegründet wurde. Mit dem „Friedenskakao“ möchten sie kolumbianischen Kakaobauern und -bäuerinnen beim Aufbau einer friedlichen Existenz fern von Drogenkonflikten unterstützen und aufzeigen, wie Globalisierung fair gestaltet werden kann. In ihrem Konzept trifft Transformationsdesign auf eine ökologische Wirtschaftsethik, globale Gerechtigkeit wird gefordert und gefördert.

Nur neun Zugminuten von Braunschweig entfernt, in der Gemeinde Lengede, findet sich ein anderes spannendes und diesmal sehr lokales Projekt, bei dem unsere Studierenden beteiligt sind. In der ehemaligen Kalkfabrik Hansen-Werke werden Konzepte für alternatives Arbeiten und Leben entwickelt und getestet. Nach und nach wandeln sich hier Produktions- und Lagerhallen in Werkstätten-, Veranstaltungs- und Ausstellungsflächen. Auch der Ausbau von Wohnhäusern und Garten-, sowie Ackerflächen ist geplant. Eine Herausforderung bei diesem Projekt liegt mit Sicherheit in der mutigen Überführung von Utopie in die Realität und darin andere Zielgruppen für den Prozess zu gewinnen und deren Kontexte zu beachten.

Die Öffnung nach außen gelang uns letzten Winter im Rahmen des Transformations Labors in der Braunschweiger Fußgängerzone. In einem leerstehenden Ladenlokal stellten Studierende ihre Konzepte einem gemischten Publikum vor, luden Interessierte zur Interaktion ein und stießen dabei auf große Resonanz. Um aus der esoterischen Ecke herauszukommen und Vorurteilen entgegenzuwirken, ist es wichtig, in Sachen Öffentlichkeitsarbeit aktiver zu werden. Das Transformations Labor wird in Zukunft erneut eröffnen, wo und wann ist aber noch ungewiss.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Sie sprechen von einer „esoterischen Ecke“.

Wolfgang Jonas: 

In unserem Feld gibt es durchaus auch ideologisch Fixierte und Systemkritische, die etwas verbohrt, gar kommunikationsunfähig, ihre Projekte verfolgen und zu sehr in der kleinen, idealistischen Nische bleiben. Statt Öffentlichkeit zu schaffen, wird Skepsis gegenüber transformativen Lehr- und Forschungsbereichen verstärkt und ein falsches Bild von „Ökospinnern“ und „abgedrehten Weltrettern“ gezeigt.

Unsere Wurzeln liegen in der Tradition des Transportation Designs, das hier in Braunschweig als ein sehr positives Beispiel für eine Kooperation zwischen Konzern und Universität gilt. Ich bin davon überzeugt, dass ein großer Wandel nur unter Einbeziehung von Global Playern funktionieren kann. Dabei muss man sich in die Höhle des Löwen begeben, mit der anderen Seite kommunizieren und gemeinsame Lösungen erarbeiten. In Kooperationen mit der Industrie kann man einiges über sich selbst und seine Partner lernen. Greenwashing wollen wir aber natürlich nicht.

 

Hans Sauer Stiftung:

Weshalb dann der Wandel von Industrie- zu öffentlichen Partnern?

Wolfgang Jonas: 

Wie gesagt sehen wir ein großes Potential in der Kooperation mit Partnern aus der Industrie. Erstaunlicherweise bremst uns aber die Hochschulleitung in Beziehungen dieser Art aus. Der Vorwurf, Auftragsforschung nachzugehen, liege zu nahe. Meiner Meinung nach wird damit ein Fehler begangen, der uns bereits viele kompetente Partner gekostet hat. Jetzt konzentrieren wir uns also mehr auf öffentliche Partner wie die Stadt Braunschweig und die Stadt Salzgitter. Zusammen mit den beiden Städten haben wir nun über drei Jahre hinweg ebenfalls interessante Studienprojekte durchgeführt. Seit Kurzem sind wir Partner im niedersächsischen Exzellenzcluster zum Thema „Sustainable and Energy Efficent Aviation“, in dem es um die Zukunft der zivilen Luftfahrt bis 2050 geht. Von Industriepartnern weg bewegen wir uns also immer mehr hin zu öffentlichen Partnern wie Städten, Kommunen, NGOs, oder auch Universitäten.

Dennoch würde ich persönlich gern wieder mehr mit Partnern aus der Industrie zusammenarbeiten. Ich empfinde es als sehr anregende Herausforderung, dort Transformation anzuregen und eingefahrene Denkweisen aufzubrechen wo es am schwersten ist.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Die Landschaft der Praxispartner war im Verlauf der Zeit also relativ heterogen. Welche Rolle nehmen Ihre Alumni später in der Arbeitswelt ein?

Wolfgang Jonas: 

Viele unserer Studierenden streben in Richtung Selbstständigkeit und gehen Beratungstätigkeiten nach, in denen sie ihre methodischen Kompetenzen zum Einsatz bringen. Aber auch akademische Laufbahnen sind denkbar.

Einer unserer Absolventen schrieb seine Masterarbeit über dystopische Narrative und promoviert nun bei Harald Welzer in Flensburg, einem der Begründer des Transformation Design in Deutschland.

Eine seiner Kommilitoninnen hat eine ganz andere Richtung eingeschlagen: In ihrer Abschlussarbeit beschäftigte sie sich mit transformativem Tourismus, jetzt macht sie eine Yogaausbildung und möchte danach weiter an der Thematik arbeiten.

Schön finde ich auch die Initiative einiger Studierenden, die sich im Sommer 2018 für ein paar Tage getroffen haben, um sich über eigene und gemeinsame Zukunftsvorstellungen auszutauschen. Entstanden sind diverse Kooperationsformate, von losen Arbeitsgruppen bis hin zu gemeinsamer Unternehmensgründung.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Zurück zum Anfang: Aus welchen Studiengängen kommen Ihre Studierenden?

Wolfgang Jonas: 

In den letzten Jahren kamen erstaunlich viele Studierende aus der Modebranche zu uns, die sichtlich genervt waren von der Nicht-Nachhaltigkeit dieser Branche. Im Allgemeinen sind klassische Design-Studiengänge wie Kommunikations- und Graphikdesign stark vertreten. Zunehmend bekommen wir aber auch Zuwachs aus anderen Bereichen. WirtschaftsinformatikerInnen, Geographen und Geographinnen, SozialwissenschaftlerInnen, Architekten und Architektinnen u.a.m. sind bereits vertreten. Gerne würden wir in Zukunft noch mehr Studierende aus dem Management und der Ökonomie willkommen heißen, um unsere Kompetenzen flächendeckend abzubilden und den interdisziplinären Austausch zu erweitern.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Ursprünglich kommen Sie selbst aus dem Schiffsentwurf. Was ist Ihr persönlicher Bezug zu Social Design und Transformation Design und wo sehen Sie Ihre persönliche Rolle?

Wolfgang Jonas: 

Beim Schiffsentwurf hat mir das Ästhetische, das Historische und das Ethische gefehlt. Von daher bin ich zum Design gekommen. Erfüllt wurden meine Erwartungen jedoch nicht. Deshalb habe ich mich zunehmend mit Designtheorie und Systemtheorie befasst. Seit jeher habe ich Design nie produktorientiert verstanden, sondern immer mit dem Fokus auf Prozesse, auf Transformationen. Die Professuren, die ich in der Folge an unterschiedlichen Universitäten innehatte, waren immer mit Fokus auf Methoden, gesellschaftlichen Wandel und Zukunftsforschung angelegt. Meine akademische Laufbahn gepaart mit meinen weitreichenden Visionen die Welt in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen, haben mich letztlich zum Transformation Design gebracht. Zu Beginn hätte ich diesen Werdegang so nicht voraussagen können.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Durch das Transformation Design beschäftigen Sie sich immer wieder mit der Frage: Wie radikal sollte Design sein?

Wolfgang Jonas: 

Das ist eine oft diskutierte Gratwanderung, die man nicht endgültig beantworten kann und sollte. Was ich stets versuche den Studierenden zu vermitteln ist eine Balance zwischen hochgesteckten Visionen und den abschreckenden Realitäten zu finden, also weder den Optimismus noch den Realitätssinn zu verlieren, das ist das A und O. Ich als Hochschulprofessor mit Pensionsanspruch kann einfach sagen, dass wir mehr Radikalität im Design brauchen, ob das die handelnden DesignerInnen in ihrem Kontext umsetzen können, ist dann wieder eine andere Frage. Von daher liegt die Betonung auf der individuellen Entscheidung.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Nach den Erfahrungen aus den letzten Jahren: Wie kann Transformationsdesign gut gemacht, gelehrt und gelernt werden?

Wolfgang Jonas: 

Damit experimentieren wir ständig. Ich selbst bin stark an der Gestaltung der universitären Ausbildung und deren Transformation interessiert. Dass es nicht die eine richtige Transformation Design-Ausbildung gibt, ist klar. Mein Anliegen ist es, sehr intensiv auf die Studierenden einzugehen und ihre Ideen gemeinsam mit ihnen zu entwickeln, auszuarbeiten, in Projektform zu bringen und zu Ergebnissen zu führen. Dabei ist eine gewisse Offenheit sehr wichtig. Ich denke, dass ein Studiengang nicht einen bestimmten Kanon, gar ein Korsett, von Lehrgebieten benötigt, jedoch aber die richtige Einstellung. Gerade im Design müssen wir wegkommen von konsumgetriebenen hin zu nachhaltigen Prinzipien.

 

Hans Sauer Stiftung: 

Wo sehen Sie den Masterstudiengang in fünf Jahren?

Wolfgang Jonas: 

Ich sehe den Studiengang als wichtigen Player der deutschen Designszene und als einen der Protagonisten für den Wandel von Designverständnis und Designausbildung in Deutschland, Europa und weltweit. International wünsche ich mir mehr konkurrierende und kooperierende Aktivitäten die einen Wandel des Designimages vorantreiben, weg von dieser verkorksten Konsumförderungsmaschinerie hin zu einem allgemein verantwortungsbewussteren und nachhaltigeren Denken und Handeln.

 

// Vielen Dank für das Interview.

 

Interview: Nadja Hempel, Hans Sauer Stiftung