Interview mit Viktoria Heinrich

Viktoria Heinrich ist Designwissenschaftlerin. Sie hat ihren Bachelor in Produktdesign an der HTW Dresden sowie ihr Masterstudium der Kunst- und Designwissenschaft an der Folkwang Universität der Künste in Essen absolviert. Ihre Masterarbeit verfasste sie unter dem Titel Design with Refugees. Untersuchung der Zusammenarbeit von professionellen Designer*innen und Nicht-Design-Expert*innen im Kontext von Inklusionsprojekten. Von 2016-2019 war sie Designwissenschaftlerin am Wiener Forschungsinstitut IDRV − Institute of Design Research Vienna sowie kuratorische Assistenz in der Sammlung Design des MAK − Museum für angewandte Kunst Wien. Seit Oktober 2019 arbeitet sie als wissenschaftliche Volontärin im HfG-Archiv Ulm / Museum Ulm. Hier ist sie Teil des von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojekts „Gestaltung ausstellen. Die Sichtbarkeit der HfG Ulm: Von Ulm nach Montréal.“ und kuratiert die daran anlehnende Ausstellung „HfG Ulm: Ausstellungsfieber“. 2019 war sie Mitglied der Jury des Hans Sauer Preis „Designing Circular Society”.

 

// 16.11.2020

Hans Sauer Stiftung:

Du hast dich in der Vergangenheit schon viel mit sozialem aber auch nachhaltigen Design beschäftigt. Was ist für dich Social Design? Was sind Indikatoren für gutes Social Design?

Viktoria Heinrich:

Eine Definition von Social Design zu nennen finde ich schwierig. Mein Verständnis von einem sozialen Design hat sich in den letzten Jahren ständig weiterentwickelt. Während meines Masterstudiums habe ich mich sehr auf partizipative Projekte konzentriert, in denen die Zusammenarbeit von Designer*innen und Nicht-Designer*innen eine große Rolle spielt. Diese Art von Social Design stellt die zwischenmenschliche Interaktion, das gemeinschaftliche Gestalten und Entwerfen und die demokratische Teilhabe von Vielen in den Vordergrund. Soziales Design ist jedoch mehr als ein Einbeziehen von Nicht-Designer*innen oder Laien in Gestaltungsprozesse. Designer*innen nehmen immer öfter eine verantwortungsbewusste und kritische Haltung ein. Design greift in Bereiche des Gesellschaftlichen, Politischen, Ökonomischen und Ökologischen und verändert bestehende Prozesse. Dieser holistische Anspruch und der Vorsatz, Gesellschaften grundlegend zu transformieren, bringt nicht nur große Verantwortung mit sich, sondern birgt auch die Gefahr einer Verwässerung des Begriffs Social Design bzw. der Definition des Berufsbildes. Dennoch finden sich meiner Meinung nach Indikatoren für gutes Social Design oder ganz allgemein gutes Design in einem ganzheitlichen Ansatz. Konsequenzen des eigenen Handelns für Gesellschaft, Umwelt und Natur sollten unbedingt in Gestaltungsprozessen mitgedacht werden. Ohne ein Bewusstsein für die eigene Designpraxis und die damit verbundenen Auswirkungen (Hebelwirkung!) kann kein (Social) Design funktionieren.

 

Hans Sauer Stiftung:

Du arbeitest aktuell im Projekt „Gestaltung ausstellen. Die Sichtbarkeit der HfG Ulm: Von Ulm nach Montréal“. Das HfG-Archiv bewahrt fast sämtliche der noch erhaltenen, an der 1968 geschlossenen Hochschule für Gestaltung Ulm erarbeiteten Ausstellungstafeln über die Hochschule und deren Unterrichtsergebnisse sowie zahlreiche, im Kontext der Tafeln entstandene Dokumente auf. Das Ziel des Projektes ist, das vorhandene Material zu analysieren, zu dokumentieren und aufzubereiten. Spielten damals denn soziale und nachhaltige Komponenten im Design bereits eine Rolle? Und wenn ja, welche?

Viktoria Heinrich:

Die Ausstellung „HfG Ulm: Ausstellungsfieber“ beschäftigt sich mit der Ausstellungstätigkeit der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) zwischen 1953 und 1968. Die HfG-Angehörigen verbreiteten ihr Verständnis von Design und ihre Konzepte einer in ihren Augen guten Gestaltung nicht nur über zahlreiche Vorträge im In- und Ausland sondern auch im Kontext von diversen Ausstellungen. Zentrales Medium der Vermittlung in Ausstellungen waren sogenannte Displays oder Informationsträger. Diese Tafeln, meist schwarz-weiß und einer strengen Bild-Text-Anordnung folgend, standen im Mittelpunkt des Forschungsprojekts und auch im Fokus der Ausstellung, die ich gemeinsam mit Christopher Haaf und Linus Rapp erarbeitet habe. Die Ausstellungstafel der HfG sind dahingehend interessant, da sie einerseits Aufschluss über die Gestaltung der jeweiligen Ausstellungsarchitektur geben und anderseits zeigen, wie Inhalte an Ausstellungsbesucher*innen vermittelt wurden. Die Ausstellung über die Ausstellungen der HfG und die Praxis des Ausstellens ist als Meta-Ausstellung gedacht.

Bei den Konzepten der HfG geht es, wenn man sich mit der Geschichte dieser wichtigen Designinstitution beschäftigt, auch immer um eine Haltung, die Designer*innen einnehmen und um das Kommunizieren eines bestimmten Verständnisses von Design.
Max Bill, Otl Aicher und Inge Scholl gründeten die Hochschule für Gestaltung 1953 mit dem Ziel, am „Aufbau einer demokratischen Elite“ mitzuhelfen. Alle Drei einte das Verständnis, mittels guter Gestaltung weniger verführbare Menschen auszubilden. Insbesondere Inge Scholl, die Älteste der insgesamt fünf Geschwister Scholl, und der politisch aktive Otl Aicher waren geprägt durch den Nationalsozialismus und die vom Krieg zerstörte Stadt Ulm. Der bereits mit der Gründung intendierte demokratische Gestaltungsansatz prägt das Designverständnis an der HfG maßgeblich. Soziale Nachhaltigkeit spiegelt sich im Lehrprogramm der HfG wider, welches auf Ganzheitlichkeit beruhte. Neben gestalterischen Praktiken waren auch Fächer wie Soziologie, Philosophie und Politik Bestandteil der Ausbildung.
Von ökologischer Nachhaltigkeit kann nur bedingt gesprochen werden. Ressourcennutzung und Materialeinsatz waren durchaus Themen, die an der HfG diskutiert wurden. Dies zeigt sich u.a. durch den Anspruch auf langlebige und für viele Menschen verfügbare Gebrauchsgegenstände. Der Fokus auf Nachhaltigkeit im Design wird jedoch erst Ende der 1960er Jahre und mit Richard Buckminster Fuller und Victor Papanek populärer.

 

Hans Sauer Stiftung:

Welche Elemente sind denn deiner Meinung nach davon heute noch erhalten? Welche positiven Weiterentwicklungen gab es seitdem?

Viktoria Heinrich:

Die Vorstellung, die menschliche Umwelt mittels gut gestalteter Objekte zu verändern und Menschen zu besseren oder moralisch handelnden Menschen zu erziehen* ist noch immer aktuell. Die Suche nach allgemeingültigen Designkriterien, die an der HfG Ulm im Vordergrund stand, ist meiner Meinung nach auch heute noch Thema im Designdiskurs. Und Otl Aicher, der im Jahr 2022 ein großes Jubiläum (100. Geburtstag) feiert, ist für mich nach wie vor einer der spannenden und aktuellen Denker im Design. Natürlich könnte man hier auch diskutieren, inwieweit die fast dogmatische Sicht Aichers auf die Welt mit dem Verständnis von Partizipation und Social Design vereinbar ist.

Positive Weiterentwicklungen gibt es in der Entwicklung einer konzeptionellen und experimentellen Designpraxis und -forschung. Viele Designer*innen konzentrieren sich auf ganzheitliche Ansätze, greifen in politische und ökologische Themen ein und entwickeln ganz neue, unkonventionelle Konzepte. Das italienische Designer-Duo Formafantasma sind meines Erachtens wichtige Vorreiter dieser Entwicklung. In ihren Projekten arbeiten sie immer in einem interdisziplinären Team und verknüpfen die eigene Designpraxis mit (Natur-)Wissenschaften, neuen Technologien und einem Bewusstsein für politische und ökologische Veränderungen. Diese Vorgehensweise, die stark von Wissenschaftlichkeit und gleichzeitiger Sinnlichkeit und einem Verständnis für gesellschaftliche Entwicklungen geprägt ist, ist absolut zukunftsfähig. Dieser holistische Ansatz ist essentiell für ein zeitgenössisches Designverständnis.

*Ich nutze hier absichtlich das Wort „erziehen“, da die Gründer*innen der HfG bereits in ihrem ersten Hochschulprogramm von einem „Aufbau einer demokratischen Elite“ sprach und dies durchaus im erzieherischen Sinne meinten.

 

Hans Sauer Stiftung:

Die HfG vertrat schon sehr früh den Ansatz, dass Gestaltung nicht nur äußerliche Dinge betrifft, sondern vielmehr grundsätzliche Probleme der Gesellschaft berührt. Deshalb sollten Fragen der Gestaltung auch in Sozial- und Geisteswissenschaften diskutiert werden. Welche Rolle spielt deiner Meinung nach Design in den Sozial- und Geisteswissenschaften? Spielt es aktuell überhaupt eine Rolle?

Viktoria Heinrich:

Diese Auffassung führte an der HfG Ulm dazu, dass u.a. auch Felder wie die Kybernetik oder Themen der Philosophie Bestandteil des Hochschulprogramms waren. Diese Verknüpfung von unterschiedlichsten Bereichen finde ich auch heute noch wichtig und notwendig. Daher denke ich, dass Sozial- und Geisteswissenschaften im Design definitiv eine Rolle spielen. Das zeigt sich insbesondere an den unterschiedlichen Perspektiven, die im gestalterischen Diskurs eingenommen und berücksichtigt werden. Design ist die Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Disziplinen und implementiert Methoden anderer Bereiche. Inwieweit das angewandte Wissen der Designpraxis in den Sozial- und Geisteswissenschaften aufgenommen und berücksichtigt wird, kann ich nicht eindeutig sagen. Schwierig finde ich jedoch, wenn Methoden wie beispielsweise Design Thinking als kapitalismusfördernde Dienstleistungen verkauft werden.

 

Hans Sauer Stiftung:

Du hast selbst Design studiert. Was müsste die Design-Ausbildung im Jahr 2020 unbedingt beinhalten?

Viktoria Heinrich:

Die aktuelle Design-Ausbildung sollte, ähnlich wie schon an der HfG, fächerübergreifend und ganzheitlich angegangen werden. Projekte und Objekte sind immer mit einem Kontext verknüpft und reagieren auf Ereignisse und Gegebenheiten. Ohne ein Bewusstsein für Kontexte kann nicht gestaltet werden. Wichtig ist die Ausbildung von selbstwirksamen Studierenden, die mit unterschiedlichsten sozialen und gestalterischen Fähigkeiten ausgestattet sind. Hierzu zählen für mich Empathie, Resilienz und eine kritische Haltung.

Eine Randnotiz: Interessanterweise hat ein ehemaliger HfG-Student, Michael Klar, die Fakultät, an der ich studiert habe, gegründet. So schließt sich der Kreis zu meiner derzeitigen Tätigkeit am Archiv der ehemaligen HfG Ulm.

 

Hans Sauer Stiftung:

Welchen Einfluss hat Design momentan auf unsere Gesellschaft? Glaubst Du, dass wir mit der Hilfe des Designs Antworten finden können, auf die großen, drängenden Herausforderungen unserer Zeit?

Viktoria Heinrich:

Mir gefällt der Gedanke, dass Design Utopien einer Gesellschaft und einer Umwelt schafft, gleichzeitig jedoch die Realität und reale Konsequenzen mit einbezieht. Design sieht sich in der großartigen (und auch schwierigen) Position, bestehende Ansätze zu hinterfragen und bewährte Meinungen herauszufordern. Design kann radikal sein und darf provozieren.
Design hat einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft und die Transformation unserer Gesellschaft, ich denke jedoch nicht, dass wir mit Design alleine die Antworten auf die drängenden Herausforderungen unserer Zeit finden können. Designer*innen handeln immer in einem Kontext, die eigentliche Wirkungskraft von Design zeigt sich für mich immer in der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen. Auch dieser Blick auch die Profession Design ist etwas, das an der HfG Ulm geprägt wurde. Designer*innen, die sich als Partner*innen anderer Professionen verstehen und mit diesen zusammenarbeiten.

 

Hans Sauer Stiftung:

Die Hans Sauer Stiftung wendet Prinzipien des Social Design an, um z.B. das Konzept der Circular Society in der Breite gemeinsam weiterzuentwickeln, nachvollzieh- und realisierbar zu machen. Macht es deiner Meinung nach Sinn, Methodiken des Social Designs in anderen Disziplinen anzuwenden?

Viktoria Heinrich:

Definitiv. Design und auch Social Design agiert für mich immer zwischen Utopie und Realität. Methoden, die im Gestaltungsbereich etabliert sind, können helfen, bestehende Strukturen anderer Disziplinen aufzubrechen und neue Handlungsweisen zu entwickeln.

 

Hans Sauer Stiftung:

Was wünschst Du dir für die Zukunft des Designs?

Viktoria Heinrich:

Ich wünsche mir einen größeren Einfluss auf politische Entscheidungen. Design und Strategien des Designs sollten in politische Diskussionen einbezogen werden, insbesondere wenn es um Themen wie Nachhaltigkeit und Bildung geht. Wir brauchen neue Narrative und diese zu generieren, ist eine Stärke von Design. Es müssen nicht immer die alteingesessenen Institutionen sein, die Entscheidungshoheit über relevante Themen haben. Transformationen passieren oft aus einer individuellen Motivation heraus und durch die Dynamik von Nischeninnovationen. Ein Beispiel ist der Verein überkochen e.V., dem ich angehöre. Überkochen e.V., von Marco Kellhammer und Constanze Buckenlei gegründet, verbindet Kochen mit Lehrinhalten in der Schule. Die Verbindung der gemeinsamen Kocherfahrung mit Inhalten aus dem Unterricht schafft Teilhabemöglichkeiten für Schüler*innen und denkt die Ausbildung von jungen Menschen neu. Das ist ein Ansatz, der zukunftsfähig ist.

 

 

// Vielen Dank für das Interview.

Interview: Barbara Lersch und Sarah Dost