Sakrale Räume im Wandel: Ergänzende Nutzungen für das Gemeinwohl
Kirchen und Kirchengebäude sind über ihre religiöse Bedeutung hinaus schon immer für die Bevölkerung relevante Orte – als Orte der Begegnung, der Stille und als „radikal öffentliche Orte“ (siehe dazu: Kirchenmanifest). Gleichzeitig verändert sich die religiöse Landschaft: Religiösität wird vielfältiger und individueller gelebt. Dies führt zum Rückgang von Gemeindemitgliedern, zu einem Mangel an pastoralem Personal und damit zu einer geringeren Auslastung der Räume sowie sinkenden finanziellen Mitteln für ihren Unterhalt. Aus sozialer, kultureller und ökologischer Sicht ist der Erhalt kirchlicher Gebäude jedoch wichtig. Eine Privatisierung steht einer gemeinwohlorientierten Nutzung als Orte des Gemeinguts entgegen.
Immer mehr Gemeinden öffnen ihre Kirchen für neue Nutzungen, um einen gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Mehrwert zu schaffen: von Bibliotheken und Veranstaltungsräumen über soziale Wohnprojekte bis hin zu lebendigen Gemeinschaftszentren. Diese Umnutzungen und Nutzungserweiterungen verbinden die bestehende Architektur mit den Bedürfnissen der Nachbarschaft und zeigen das vielfältige Potenzial sakraler Räume.
Kirchen für neue Nutzungen öffnen: Fünf inspirierende Projekte
Wie dieses Potenzial gemeinsam mit den Kirchengemeinden und Nachbarschaften gehoben werden kann, beschäftigt auch unser Projektteam. Im Rahmen des Projekts Stadt.Raum.Kirche entwickelte das Projektteam gemeinsam mit dem Ökumenischen Kirchenzentrum im Olympiadorf und der Hochschule München einen partizipativen Prozess. In diesem wurden Bedarfe und Ideen für eine Nutzungserweiterung von Kirchen gesammelt. Die Dokumentation des Prozesses findet sich hier.
In diesem Blogbeitrag stellen wir exemplarisch fünf weitere Projekte anderer Organisationen aus unterschiedlichen Städten vor, die zeigen, wie sakrale Räume kreativ, nachhaltig und gesellschaftlich relevant neu gedacht werden können.

Folkehuset Absalon
Stadt: Kopenhagen
Grad der baulichen Anpassung: – niedrig –
Neue Elemente wurden hinzugefügt, wie beispielsweise eine Galerie und Öffnungen, die verschiedene Räume miteinander verbinden
Nutzungsform: profan gemeinwohlorientiert
Verwaltung und Trägerschaft: Lennart Lajboschitz (Gründer von Flying Tiger)
Projekt und Besonderheiten:
Die Umgestaltung der Kirche wurde 2015 von einem interdisziplinären Team von Architek*innen, Designer*innen und Künstler*innen mit dem Ziel realisiert, einen farbenfrohen, einladenden Innenraum zu gestalten. Während zentrale Elemente, wie die hohen Decken und die großen Fenster erhalten blieben, wurde der Innenraum durch Galerien und Teilbereichen so strukturiert, dass eine Wohnzimmeratmosphäre entsteht.
Heute ist der Folkehuset Absalon ein lebendiges Gemeinschaftszentrum. Die ehemalige Kirche wurde in ein offenes Kulturhaus umgewandelt und dient heute als Treffpunkt für Menschen aller Altersgruppen und Hintergründe. Täglich werden eine Vielzahl an Aktivitäten angeboten, darunter Yoga, Brettspielabende, Konzerte, Kunstworkshops und Gemeinschaftsessen. Besonders beliebt ist das tägliche Abendessen, bei dem die Nachbar*innen, Besucher*innen und Fremde an langen Tischen gemeinsam speisen und ins Gespräch kommen. Die familiäre Atmosphäre und das bunt gemischte Programm haben Absalon zu einem zentralen Ort für soziale Interaktion und kreative Entfaltung in Kopenhagen gemacht.

Sankt Maria als…
Stadt: Stuttgart
Grad der baulichen Anpassung : – niedrig –
keine bauliche Anpassung erfolgt, ausschließliche Nutzungserweiterung über Mobiliar
Nutzungsform:
Angebote größtenteils profan (weltlich und auf alltägliche Nutzungen ausgerichtet)
Verwaltung und Trägerschaft:
Kuratorische Leitung seit August 2023: Kulturmanagerin Romy Range und Künstlerin Ania Corcilius
Finanzierung: hauptsächlich kath. Kirche Stuttgart
Projekt und Besonderheiten
Im Mai 2017 startete „St. Maria als …“ als Beteiligungsprozess, initiiert von Stadtdekanat und Kirchengemeinde, um Ideen für eine Kirchensanierung zu sammeln. Diese Ideensammlung entwickelte sich zu einem offenen Kirchenentwicklungsprozess, der auf Transformationsprozessen der Diözese und des Stadtdekanats Stuttgart basiert. Seit 2023 liegt die kuratorische Leitung bei der Kulturmanagerin Romy Range und der Künstlerin Ania Corcilius. Gemeinsam mit Vertreter*innen der Kirchengemeinde, der Kultur und der sozialen Arbeit entwickeln sie nun Themenschwerpunkte und Vermittlungsstrategien für die Jahre 2024-2026. Unter dem Motto „Wir haben eine Kirche. Sie haben eine Idee?“ können sich außerdem Bürger*innen in regelmäßigen Abständen mit ihrem Vorschlag für neue Projekte in der Kirche bewerben.
St. Maria wird damit zu einem innovativen, spirituellen und kulturellen Raum für vielfältige Veranstaltungen und steht für interdisziplinären Austausch, Kunst, gesellschaftspolitische Themen und theologischen Diskurs.

Stadtpfarrkirche St. Marien // Stadtbibliothek und Veranstaltungsort
Stadt: Müncheberg
Grad der baulichen Anpassung: – hoch –
Vierstöckiger Einbau mit verglasten Wänden, barrierefrei
Nutzungsform: Erweitert sakral
Verwaltung und Trägerschaft:
GmbH, gleichberechtigt getragen von evangelischer Kirchengemeinde, Stadt und Förderverein
Projekt und Besonderheiten:
Im Zuge des Wiederaufbaus von 1992 bis 1997 erhielt die zur Ruine gewordene Kirche ein neues Dach und umfassende Umbauten. Der architektonisch einzigartige Umbau, das sogenannte Schiff im Schiff, beherbergt seitdem die Stadtbibliothek und einen zusätzlichen Veranstaltungsraum, die beide dank eines Aufzugs barrierefrei zugänglich sind.
Durch dieses Konzept konnte die Kirche als Mehrzweckbau neu belebt werden: Weltliche und kirchliche Nutzung werden hier unter einem Dach vereint. Die besondere Architektur von St. Marien ermöglicht zudem eine hervorragende Akustik, die das Haus zu einem beliebten Veranstaltungsort macht. Rund 80 Veranstaltungen pro Jahr locken jährlich etwa 7000 Besucher*innen in das Gebäude. Von Konzerten, Ausstellungen und Kinoabenden bis hin zu Autorenlesungen, thematischen Abenden, Abiturfeiern oder Stadtverordnetenversammlungen.

Dreifaltigkeitskirche // Soziales Wohnprojekt und Gewerberäume
Stadt: Münster
Grad der baulichen Anpassung: – Hoch –
Von außen unverändert, von innen mehrere Stockwerke sowie Mauern eingezogen
Nutzungsform: Profan, privat-gemeinwohlorientiert
Verwaltung und Trägerschaft: Förderverein für Wohnhilfen e.V., Bischof-Hermann-Stiftung
Projekt und Besonderheiten:
Die Dreifaltigkeitskirche wurde 1937–1939 erbaut und nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut. 2010 wurde sie profanisiert und an das kommunale Wohnungsunternehmen Wohn+Stadtbau verkauft, das das Kirchengebäude in den folgenden zwei Jahren umbaute. Statt Abriss wurde eine Mischnutzung: In den oberen Geschossen entstanden gewerblich nutzbare Büroräume, im Geschoss darunter Einrichtungen für das betreute Wohnen für obdachlose Menschen ab 60 Jahren die den Bewohner*innen ein stabiles und unterstütztes Umfeld bieten. Zusätzlich wurden zwei Neubauten errichtet, die über Brücken mit dem Kirchengebäude verbunden sind und 18 öffentlich geförderte Wohnungen enthalten.
Da der markante Kirchenbau unter Denkmalschutz steht, blieb seine äußere Gestalt weitgehend erhalten. Der Innenraum hingegen wurde vollständig neu strukturiert. Er zeichnet sich durch den offenen Lichthof aus, der über eine durchgehende Dachverglasung mit Tageslicht versorgt wird. An den Außenwänden befinden sich die Wohn- und Büroräume mit eingebauten Fensteröffnungen.

Friedenskirche // Stadtteilzentrum „Q1 – Eins im Quartier“
Stadt: Bochum
Grad der baulichen Anpassung: – hoch –
Unterteilung des Sakralraums in kleinere Räume unter Berücksichtigung von Denkmalschutz und Barrierefreiheit
Nutzungsform: Erweitert sakral
Verwaltung und Trägerschaft: IFAK e. V. und evangelische Kirchengemeinde Bochum
Projekt und Besonderheiten:
Aufgrund des wachsenden Anteils von Bewohner*innen mit verschiedenen Religionen, konnte sich die evangelische Kirchengemeinde nicht mehr alleine finanzieren. Im Rahmen eines Stadtumbauprojekts entwickelte die Gemeinde 2015 in gemeinsamer Trägerschaft mit dem Stadtteiltreff „IFAK – Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit“ ein Stadtteilbegegnungszentrum als Anlaufstelle für Menschen aller Religionen. Das Projekt ist auf Begegnung und Dialog ausgerichtet, was sich auch in der Architektur widerspiegelt. Der ursprüngliche Kirchraum wurde in verkleinerte Form erhalten und dient nun als Friedenskapelle als Rückzugs- und Gebetsort für Angehörige aller Religionen. Gleichzeitig finden weiterhin Gottesdienste der evangelischen Kirchengemeinde statt.
Der IFAK e.V nutzt größere Teile des Kirchengebäudes für eine Cafeteria, mehrere Gruppenräume, ein Jugendbereich, Büros sowie ein Veranstaltungsaal. Gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde bietet der Stadtteiltreff verschiedene Angebote, von Beratungen, Seelsorge, Integrations- und Bildungsangebote, Informations-, hinzu Kultur- und Kunstveranstaltungen. Teil des Konzepts ist außerdem die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Familienzentrum und der Kindertagesstätte.
Ideen, Impulse und neue Entwicklungen
Die fünf vorgestellten Projekte zeigen eindrücklich, wie sakrale Räume heute neu gedacht werden können und dennoch Orte des Gemeinwohls bleiben. Ob als Kulturzentrum, Stadtbibliothek, Wohnprojekt oder Stadtteilzentrum – die Umnutzungen verbinden die zentrale Rolle von Kirchen in Quartieren mit den sich wandelnden Bedürfnissen der Nachbarschaft und der Gesellschaft. Sie schaffen Räume für Begegnung, kreative Entfaltung und soziale Teilhabe und öffnen kirchliche Gebäude für Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Lebensrealitäten
Kirchenumnutzungen bieten somit eine Chance, historisches Erbe zu bewahren und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Auch für das Projekt Stadt.Raum.Kirche liefern diese Beispiele wichtige Impulse. Sie verdeutlichen, wie partizipative Prozesse, innovative Nutzungskonzepte und interdisziplinäre Zusammenarbeit den Wandel sakraler Räume mit Blick auf das Gemeinwohl gestalten können.

Aufbauend auf diesen Erfahrungen knüpfen auch wir an das zurückliegende Projekt im Olympiadorf an und wollen die gesammelten Bedarfe und Ideen gemeinsam mit den Kirchengemeinden und der Nachbarschaft weiterentwickeln.
