Interview mit Ulrich Fleischmann

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Ulrich Fleischmann ist Professor für angewandte Kultursemiotik an der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg. Zuvor arbeitete er als Texter, Konzeptioner und Designer in dem von ihm mitbegründeten Büro für Kommunikationsdesign.

 

// 07.01.2020

Hans Sauer Stiftung:
Herr Fleischmann, mit dem Wintersemester 2019/20 wurde der ehemalige Masterstudiengang „Design- und Kommunikationsstrategie“ einer Transformation unterzogen. Was hat Sie dazu bewegt und was macht den entscheidenden Unterschied im neuen Master „Transformation Design“ an der Hochschule Augsburg?

Ulrich Fleischmann:
Eigentlich waren es die Studierenden selbst, die den Anstoß für die Neukonzeption unseres Masterstudiengangs gegeben haben. In den letzten Jahren gab es zunehmend mehr Studierende, die sich für ihre Masterprojekte gesellschaftsrelevante Themen ausgesucht haben. Es war deutlich zu spüren, dass sie sich als Designer*innen neu definieren und als solche gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollten. Wir Lehrenden brauchten diesen Trend – um es mal lax zu formulieren – nur zu institutionalisieren und die Lehrinhalte neu zu justieren: Eigentlich geht es uns nun nicht mehr vordringlich um die Gestaltung von Artefakten, sondern um die Gestaltung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse, neuer Lebens­modelle und kultureller Praktiken. Und das ist richtig spannend – für die Studierenden wie für uns Lehrende.

 

Hans Sauer Stiftung:
Welche Kompetenzen braucht es Ihrer Meinung nach, um als Gestalter*in gesellschaftliche Themen zu bearbeiten?

Ulrich Fleischmann:
Jetzt könnte ich all die professionellen Kompetenzen aufzählen, die „Social Designer*innen“ haben sollten: zum Beispiel kontextuell, interdisziplinär, zukunftsvisionär, problem- und werteorientiert zu denken. Ich könnte die genuin ästhetischen Fähigkeiten von Designer*innen hervorheben: also die Welt gestaltend zu begreifen. Aber im Grunde müssen sie einfach Mensch sein – empathisch, prosozial, kooperativ. Denn: Jede*r kann Gesellschaft gestalten.

 

Hans Sauer Stiftung:
Und wie sieht dieses „Gesellschaft gestalten“ dann konkret im Studium aus? Gibt es schon Projektbeispiele, wo dies gelungen ist?

Ulrich Fleischmann:
Nun, Ihre Frage wäre verfrüht – TFD startet ja erst im Sommersemester 2020 offiziell –, hätten wir nicht schon Pilotprojekte im jetzigen Master durchgeführt. Ein schönes Beispiel ist das Kooperationsprojekt von HSA_transfer, der Projektagentur unserer Hochschule, und unserer Masterstudierenden mit der Wittelsbacher Grundschule in Augsburg, die mit uns wegen der Neukonzeption ihres ziemlich weitläufigen Pausenhofes in Kontakt trat. Unter dem Motto „Bewegte Pause. Innovative Erlebnisräume für Grundschulkinder“ erarbeiteten die Studierenden Im Sinne eines partizipativen Designprozesses die Bedürfnisse und Erwartungen der Kinder, aber auch der Eltern und Lehrer*innen in Form von Workshops. Beobachteten über drei Wochen das Pausenhofgeschehen, recherchierten über die motorische und emotionale Entwicklung von Kindern und entwarfen dann unterschiedlichste Pausenhofmodelle, in denen Erlebnisorientierung, Nachhaltigkeit und Raum für Kreativität und Miteinander eine ausschlaggebende Rolle spielten. Diese Modelle werden derzeit von Architekturstudierenden unserer Hochschule weiterentwickelt. Übrigens: Mal ganz abgesehen von dem methodischen Wissen, das die Studierenden dabei sozusagen en passant erworben haben – es hat allen Beteiligten einfach irre Spaß gemacht.

 

Hans Sauer Stiftung:
Die Hochschule Augsburg hat im Bachelor den Schwerpunkt Kommunikationsdesign. Sie selbst haben lange als Texter gearbeitet. Welche Rolle spielt Kommunikation und das bewusste Gestalten von Kommunikation in Veränderungsprozessen?

Ulrich Fleischmann:
Nun, keine Veränderung ohne Kommunikation – besonders wenn man ein demokratisch-partizipatives Verständnis von Transformation hat. Gerade soziale Prozesse mit ihrem hohen Komplexitätsgrad stellen große Anforderungen an Kommunikationsdesigner*innen. Wie vermittelt man Wissen verständlich und nachvollziehbar für alle Prozessbeteiligten, ohne Komplexität und Ambiguität zu verraten und zu banalisieren? Wie motiviert man die Beteiligten, sich lustvoll mit oft trägen und widerspenstigen Veränderungsprozessen auseinanderzusetzen? Und viel besser als über den abstrakten Fach- und Diskursjargon gelingt das mit sinnlich wahrnehmbarer Gestaltung – ob visuell, auditiv, taktil oder, ja, auch olfaktorisch. Das muss ich – gerade als ehemaliger Texter – neidlos eingestehen.

 

Hans Sauer Stiftung:
Mit dem neuen Fokus geht ja auch ein hoher Anspruch einher, wirklich einen Unterschied zu machen. Gewinnen das Design und die Designer*innen also gesamtgesellschaftlich an Bedeutung? Woran lässt sich das erkennen? Oder ist es – provokant gesprochen – eher so, dass die Gestalter*innen sich da womöglich überschätzen?

Ulrich Fleischmann:
Da haben Sie einen wunden Punkt getroffen. Wissenschaft und Technologie sind die Legitimationsparameter unserer Gesellschaft. Andere Weisen des Erkenntnisgewinns, der Problemlösung oder im Sinne Nelson Goodmans der „Welterzeugung“ werden gern als künstlerisch-ästhetisches Formspiel verkannt. Oder haben Sie schon mal im Bundestag eine Designerin gesehen, die als Gutachterin für ein politisch-soziales Thema und nicht nur für ein neues Orientierungssystem eingeladen wurde?

Ich möchte gar nicht auf das deutsche Design in der Tradition von Bauhaus und Ulmer Schule verweisen, dem es ja schon immer nicht nur um Gestaltqualität, sondern dezidiert um die Gestaltung der Gesellschaft ging. Sondern den sozusagen „unparteiischen“ Soziologen Bruno Latour zu Wort kommen lassen. In seinem Aufsatz „Ein vorsichtiger Prometheus?“ hat er sehr zu Recht ausgeführt, dass dem Designbegriff die ethische Dimension inhärent ist, und die Designer*innen ziemlich deutlich daran erinnert: „Sobald man beginnt, nicht nur Städte, Landschaften, Naturparks und Gesellschaft zu designen, sondern auch Gene, Gehirne und Chips, darf man keinem Designer mehr erlauben, sich hinter dem alten Schutzschild der Tatsachen zu verstecken. Kein Designer wird beanspruchen dürfen: „Ich stelle nur fest, was existiert“ oder „Ich ziehe bloß die Konsequenzen aus den Naturgesetzen“ oder „Ich errechne bloß die Summe“. Wenn Design derart ausgeweitet wird, dass es überall relevant ist, ziehen sich Designer*innen ebenfalls den Mantel der Moral an.“ Daran anknüpfend würde ich vielmehr beklagen, dass die „gesamtgesellschaftliche Bedeutung“ von Design eher zu groß ist. Design im landläufigen Sinn – als affirmativer Teil der Konsum- und Wachstumsgesellschaft. Vonnöten wären ja junge Designer*innen, die kritisch sind, widerständig, getrieben, ihre Umwelt sinnvoll zu gestalten. Aber zum Glück gibt’s die ja schon. Sie studieren gerade.

 

Hans Sauer Stiftung:
Mit Blick auf die nächsten Jahre und Jahrzehnte, sollte sich die Designlehre noch stärker in diese Richtung entwickeln?

Ulrich Fleischmann:
Sie wird es müssen, wenn Designer*innen nicht ihre Glaubwürdigkeit in unserer Gesellschaft verlieren wollen.

 

//Danke für das Interview

 

Interview: Jenny Gallen, Hans Sauer Stiftung