Interview mit Kris Krois

Kris Krois ist Associate Professor an der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen. Er hat gemeinsam mit seinen Kollegen die Master Eco-Social Design und Glocal Design ins Leben gerufen.

23.02.2015 @Social Design Elevation Days, Impact Hub Munich

Interview: Anna Várnai, Hans Sauer Stiftung

 

Hans Sauer Stiftung:

Guten Tag, Herr Krois. Was ist Ihr persönlicher Bezug zum Thema Social Design und wo sehen Sie Ihre Rolle?

Kris Krois:

Einerseits sehe ich meine Rolle in meiner Arbeit als Professor. Andererseits bin auch Designer und Gestalter der visuellen Kommunikation mit einer leichten Tendenz zum sogenannten User Experience Design. Und außerdem bin ich Bürger, Mensch, kritischer Konsument, politisch interessiert, und vieles mehr.
Das alles zusammen führt mich letztendlich zu der Frage: „Was kann man am besten tun? Was ist im Rahmen meiner Kompetenz und meiner Möglichkeiten eigentlich vorhanden, das ich auf Basis dieser privilegierten Situation einer Professur unternehmen kann?“

In letzterem Fall setze ich mich für die Schaffung des Studiengangs Glocal Design ein. Der Master basiert darauf, wie Design gut gelehrt, gemacht und gelernt werden kann – ganz unabhängig von social oder nicht. Mit Studierenden, denen Eigenständigkeit zugesprochen wird und denen man Raum für eigene Entwicklung gibt. Mit einem breiten Horizont einerseits, und andererseits mit normativen Werten, die Gesellschaft und Umwelt betreffen.

 

Hans Sauer Stiftung:

Die Ansprüche, die an solch einen holistischen Ansatz gestellt werden, sind hoch gesteck. Können Sie ein konkretes Projekt nennen, das Sie persönlich begeistert und in welchem Sie die angesprochenen Prinzipien gut umgesetzt finden?

Kris Krois:

Ja, da gibt es viele. Am besten, ich erzähle von einem bewusst sehr einfachen, aber gut durchdachten Projekt. Denn viele denken, ein Entwurf müsse immer auf großer Ebene riesige Veränderungen bewirken. Deshalb scheitert man oft schon allein beim Gedanken an die Umsetzung aufgrund der Ohnmacht, die man gegenüber dieser Aufgabe empfindet. Ein schönes Beispiel einer kleinen Intervention ist ein Projekt, das ein Kollege bei uns an der Universität von Bozen gemacht hat.

Jener Kollege hat beobachtet, dass überall in der Universität Getränkeautomaten stehen, in denen in PET-Flaschen Softdrinks und Wasser angeboten werden. Diese wurden von vielen Menschen gekauft, weil es kein anderes Angebot gab. Er hatte daher die Idee, Mehrwegflaschen aus Aluminium anzubieten und organisierte eine große Menge davon günstig, gestaltete sie, brandete sie mit dem Logo der Universität und bot sie für wenige Euro an. Seitdem sieht man diese Flaschen überall am Gelände und sie werden von den Studierenden mit Bozner Leitungswasser gefüllt. Die Besitzer dieser Flaschen wurden zugleich zu Botschaftern der Idee und der PET-Flaschen-Verkauf ging zurück.

 

Hans Sauer Stiftung:

Das Projekt zeigt gut, wie man gestalterische Werkzeuge dazu nutzen kann, für einen nachhaltigen Zweck zu werben. Das heißt, das sonst oft negativ empfundene Branding lässt sich für einen positiven Zweck verwenden?

Kris Krois:

Ja, genau. Ich sehe Branding an sich zwar auch oft kritisch, aber ich glaub es ist so ein mächtiges und gutes Mittel, so lange es authentisch ist. Branding ist meiner Meinung nach dann schlecht, wenn das Markenimage mit den Realitäten von Produktion und Vertrieb nicht übereinstimmt. Wenn es aber übereinstimmt und die Marke menschenfreundlich und naturverbunden ist und die Art, wie da produziert und vertrieben wird, und der Konsum in keinem allzu großen Widerspruch zueinander stehen, dann habe ich nichts daran zu meckern. Im Gegenteil, es hilft dann, eine gute Idee zu vertreiben.

 

Hans Sauer Stiftung:

Nun konkret zu dem neuen Master in Glocal Design an der Freien Universität Bozen. Lokal und Global. Die beiden Begriffe erscheinen zunächst einmal widersprüchlich und entgegengesetzt. Wie lassen sie sich vereinen und was genau meint ihr mit „glocal“?

Kris Krois:

Hierbei geht es in erster Linie darum, lokal prototypische Projekte zu entwickeln, die in nachhaltigen wirtschaftlichen Kreisläufen funktionieren, und diese dann auf andere Orte anzupassen und miteinander zu vernetzen. Das ist die globale Dimension darin: das Potenzial in der Multiplikation und der Vernetzung und dass das lokale Projekt schon mit dem Bewusstsein einer globalisierten Welt und nicht aus einem limitierten Lokalpatriotismus heraus gestaltet wird.

Darin sehe ich viel Potenzial, weil es leicht umsetzbar ist. Und weil ich sehe, dass ich und viele andere darin kompetent sind. Ich bin leider nicht fähig, alleine das Weltwirtschaftssystem zu ändern. Aber beim glocal-Konzept besteht die Möglichkeit des Zusammenschlusses und der Vernetzung von vielen lokalen Initiativen, die alternative Realitäten und Wirtschaftskreisläufe erzeugen, und oft die Unterstützung und Zusammenarbeit mit Designern brauchen können.

 

Hans Sauer Stiftung:

Welche Rolle können oder sollten Designer in solchen Projekten übernehmen?

Kris Krois:

Da gibt es natürlich tausende Möglichkeiten. Den einen perfekten Weg gibt es nicht, das hängt vom Projekt und auch von den Designern ab, von deren Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten. Grundsätzlich aber gibt es neben der klassischen Designarbeit, also Produkte oder Kommunikationen zweckerfüllend und attraktiv zu gestalten, etwas, das möglicherweise eine noch größere Bedeutung hat. Das ist die Rolle als Fazilitator.

Auch in Businesskontexten ist es häufig die Aufgabe des Designers, Ideen, Kompetenzen, Technologien, Strategien und Methoden aus verschiedenen Hintergründen so miteinander zu verbinden, dass dabei etwas Produktives entsteht. Designer sind prädestiniert für diese Rolle. Ich glaube, der Unterschied zu anderen Fazilitatoren oder Managern ist, dass Designer nochmal eine andere Sprache haben, nämlich ihr Design, um die Ergebnisse des Prozesses zusammenzufassen und sichtbar zu machen.

 

Hans Sauer Stiftung:

Aus Ihrer Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit Nicht-Designern, wie zum Beispiel Initiativen, NGOs oder Unternehmen, muss man sich als Designer erst noch erklären, oder ist das Bild vom Designer als Faziliator schon in den Köpfen deiner Kunden verankert?

Kris Krois:

Sowohl in meiner Karriere als Designer in einem Businesskontext, als auch in mehr sozial-orientierten Projekten hatte ich kaum Probleme damit, als jemand verstanden zu werden, der ganzheitlich denkt und den Dingen nicht nur eine schöne Form gibt. Das ist zwar schon noch oft das vorherrschende das Bild, das viele von Design haben, aber sobald man mit den Menschen ins persönliche Gespräch kommt – sei es mit dem Marketingleiter oder mit dem Kreis von Leuten, die eine Bürgerinitiative vorwärts bringen oder dem Biobauern-Verband –, stellen beide Seiten fest, dass man gemeinsam etwas entwickeln kann. Deswegen ist es wichtig für Designer in solchen Rollen, gut kommunizieren zu können und das gerne zu tun.

 

Hans Sauer Stiftung:

Projektarbeit und Kommunikation sind auch fest in euren Lehrplänen für den Master Glocal Design verankert.

Kris Krois:

Ja, das ist fester Bestandteil. Bei der Projektarbeit soll beachtet werden, dass die Studierenden gemeinsam mit externen Stakeholdern entwickeln und andere Experten miteinbeziehen, die Kompetenzen abdecken, die sie selbst als Designer nicht abdecken können. Allein ist man nämlich relativ beschränkt.
Zusätzlich lehren wir Methoden der Moderation und Partizipation. Da gibt es sehr effektive Methoden, die man lernen kann und die man nicht zwingend direkt durch die Projektarbeit erfährt.

 

Hans Sauer Stiftung:

Der Master startet im Herbst 2015. Welche Wünsche haben Sie für das erste Jahr und den ersten Jahrgang? Und könnten Sie ganz persönlich zusammenfassen, welches Ziel Ihr als Professoren mit diesem Master verfolgt?

Kris Krois:

Ein erstes Ziel ist, ein Kollegium zu etablieren, das dieses Projekt gemeinsam voranbringt. Wir werden neue, sehr spannende Lehrende bei uns haben und eben diese multidisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur im Konzept, sondern auch zwischen Studenten und Professoren sowie zwischen Professoren und Lehrenden, Forschern und Externen tatsächlich umsetzen. Da freue ich mich drauf!

Was die Studierenden angeht, freue ich mich, wenn sie unterschiedliche Hintergründe mitbringen. Wir nehmen auch Studenten auf, die davor nicht Design studiert haben. Es reicht, wenn sie ein Minimum an 30 ECTS in einem mehr oder weniger entwurfsorientierten Fach mitbringen. Abgesehen davon können sie auch jeden anderen Studiengang belegt haben. Ich hoffe, dass es dadurch zu spannenden Diskussionen und Projekten kommt.

 

Hans Sauer Stiftung:

Es heißt oft, „Wir wissen, wo die Probleme liegen, wir müssen endlich handeln“. Oft scheitert dies an der Zusammenarbeit unter den Projektbeteiligten.

Kris Krois:

Ich glaube, es ist wichtig, dass sich Partner auf grobe Ziele und Werte einigen können. Auch wenn man diese anfangs als einschränkend und normativ empfindet. Diese Grundlage muss geschaffen werden, bevor man über die Art der Zusammenarbeit und die Projekte nachdenkt. Mit weniger Ressourcen mehr sozialen Mehrwert und mehr Lebensqualität zu schaffen, beispielsweise. Leicht gesagt und schwer getan.

 

Hans Sauer Stiftung:

Im Mainstream ist dieser Wertewandel noch nicht wirklich angekommen, aber man sieht immer mehr Initiativen und Designer, die genau dort ansetzen.

Kris Krois:

Designer können mit dazu beitragen, Ressourcen zu schonen und ein gutes Leben für alle zu schaffen, indem sie einen alternativen Lebensstil attraktiv machen. Wenn es früher schon einmal gelungen ist, mit Hilfe von Design und Kommunikationsdesign eine auf permanentes Wachstum fokussierte „Will-Haben“-Gesellschaft zu schaffen, dann kann man mit Design auch eine Umkehr erwirken, eine Werte- und Zieländerung. Und dafür würde ich mich gerne engagieren mit meinen Kompetenzen als Designer.

Das Schöne ist, es gibt immer mehr Designer, die nicht mehr nur elegante Produkte entwerfen möchten, mit denen man Geld verdient, sondern etwas tun wollen, das sie auch mit Sinn erfüllt. Ich glaube, das ist auch Teil der Aufgabe eines Studiengangs, alternative Zielsetzungen und Arbeitsweisen erlebbar zu machen. Also derartige Fragestellungen auch direkt in der Projektarbeit zu formulieren und die Studierenden so an das Thema heranzuführen.

// Danke für das Interview