Interview mit Ezio Manzini

Ezio Manzini ist ein führender Denker in des Grünen Designs, Gründer von DESIS, einem internationalen Netzwerk für Soziale Innovationen und Nachhaltigkeit, sowie Ehrenprofessor an der Politecnico di Milano und Lehrstuhlinhaber an der University of the Arts London.

 

22.02.2015 @Social Design Elevation Days, Impact Hub Munich

Interview: Anna Várnai, Hans Sauer Stiftung

 

Hans Sauer Stiftung:

Herr Manzini, wie definieren Sie persönlich das Wort „sozial“ im Allgemeinen und in Bezug auf Design?

 

Ezio Manzini:

Wenn die Begriffe „sozial“ und „Design“ miteinander In Kontext gebracht werden, kommen dabei auch zwei sehr weit gefasste Konzepte zusammen, die zusätzlich beide in der letzten Zeit eine tiefgreifende und rasante Veränderung erfahren haben.

Das Ergebnis ist sehr interessant, aber der Begriff lässt diverse Interpretationen zu, die zu Missverständnissen führen können.

Fangen wir damit an, was „sozial“ für mich bedeutet. Hier gibt es schon zwei verschiedene Interpretationen.

Im traditionellen Sinn bedeutet „sozial“, dass es sich um ein spezielles ethisches Problem handelt, das aus irgendeinem Grund nicht vom Markt oder von sonst zuständigen Institutionen geregelt wird: extreme Armut, Drogen, Migration, Naturkatastrophen, … Dieser Ansatz geht davon aus, dass es einen Normalzustand gibt, – und plötzlich ist da ein Ausnahmezustand, für den Geld und Ressourcen gesammelt werden müssen, für den es Personen mit einer gewissen ethischen Haltung braucht, die sich nun darum kümmern.

„Sozial“ bezieht sich aber auch auf soziale Beziehungen und darauf, wie Gesellschaften funktionieren. Begriffe wie „Soziale Organisation“ werden oft mit Problemen assoziiert, aber es wird die Sichtweise außer Acht gelassen, dass sie die gesamte Gesellschaft betreffen und verändern können.

Diese Sichtweise entstammt insbesondere von Menschen, die sich mit Nachhaltigkeit und Umwelt beschäftigen. Hierbei geht es nicht um soziale Fragen im ersteren Sinn, aber sie betreffen die Zukunft unserer Gesellschaft als Ganzes.

Wenn wir zum Beispiel über die Essgewohnheiten unserer Mittelklasse sprechen, klingt das zuerst nicht nach einer sozialen Problemstellung. Sie ist nicht arm, sie hat Geld und kann sich gesund ernähren. Aber wenn wir die Veränderungen betrachten, die in der gesamten Bevölkerung von Indien stattfindet – ein größtenteils vegetarisches Land, das sich westlichen Ernährungsgewohnheiten anpasst und immer mehr Fleisch verzehrt –, dann haben wir unsere soziale Frage. Jetzt geht es auf einmal um Gesellschaft und Umwelt, und wir müssen uns darum kümmern. Ich habe mich immer mit Nachhaltigkeit beschäftigt, so kam auch ich zum Social Design.

Es gibt also heute einen Unterschied zwischen Social Design und Design für die Gesellschaft, aber dieser Unterschied wird immer kleiner. Designern wird nach und nach klar, dass sie mehr tun können als einfach nur eine Lösung für ein Problem anzubieten – dass Designer die Bedingungen für große Veränderungen schaffen können. Es geht heute immer weniger darum, beispielsweise ein WC in einem Dorf zu bauen – und fertig. Das wäre klassisches Social Design. Man kann auch die Strukturen des Dorfes verändern und das Verhalten der Menschen nachhaltig beeinflussen.

Radikal gedacht muss bei Social Design auch immer das System verändert werden, so kann es zu sozialer (gesellschaftlicher) Veränderung kommen.

Die zwei Bedeutungen von „sozial“ kann man gut am Beispiel von Italien erklären – einem relativ reichen, europäischen Land, das aber eine Jugendarbeitslosigkeit von 40% aufweist. Dies ist eine soziale Frage, sowohl im ersten als auch im zweiten Wortsinn. Denn diese hohe Quote ist ein akutes Problem, das behoben werden muss, aber kein Randthema, keine Nische. Die Folgen und Ursachen dafür sind in der gesamten Gesellschaft verankert.
Oder das Beispiel der Migration: Wer mit Geflüchteten arbeitet und sie als kleine Gruppe mit speziellen Bedürfnissen betrachtet, betreibt klassisches Social Design. Aber wer die gesellschaftlichen Zusammenhänge untersucht und die Situation der Geflüchteten als Resultat sieht, betrachtet sie nicht mehr so.

Noch gibt es diese zwei verschiedenen Ansätze, aber sie kommen sich näher. Ich nenne das Emerging Design und halte es für eine sehr wichtige Designmethode: Problemlösung und Systemisches Denken vereint. Dieses bewegt sich weg vom Designobjekt (ein Produkt, ein Interface, ein Innenraum) hin zu einem Instrumentarium an Methoden, Fähigkeiten und Werkzeugen, die es dem Designer erlauben, ganz neue Probleme anzugehen. Beim Entwerfen eines Produkts, eines Stuhls beispielsweise, werden feste Kriterien herangezogen: technische, wirtschaftliche und ästhetische. Beim Emerging Design geht es um Systeme, Dienstleistungen und Organisationen.

Wenn wir Probleme lösen, sollte die Bedeutung des Ganzen dabei nicht aus den Augen verloren werden. Oft wird an einem Problem gemeinsam mit anderen gearbeitet, mit Ingenieuren beispielsweise, die sich um technische Fragen kümmern. Unsere Aufgabe als Designer ist es dann, die Bedeutung und die kulturellen Hintergründe zu untersuchen. Wir Designer haben gelernt, die Qualität eines Produktes zu erkennen und zu beschreiben, aber wir tun uns oft noch schwer mit der Qualität einer Dienstleistung. Daran müssen wir noch arbeiten.

 

Hans Sauer Stiftung:

Sie erwähnten ein Werkzeugset, das Designer und auch andere nutzen können, um Soziale Veränderung voranzutreiben.

 

Ezio Manzini:

Ja, wir haben Methoden, die speziell für Designer sind und andere, die auch in anderen Branchen gebräuchlich sind. Eigentlich ist es aber besser zu sagen, man hat nicht eine ‚Methode‘, sondern einen kulturellen Hintergrund. Dass wir gelernt haben, wie man Ideen findet.

Ein Werkzeug ist zum Beispiel, wenn man gelernt hat, einen Workshop zu organisieren, wie man Menschen zusammenbringt, Informationen sammelt und diese verwertet. In unserem Werkzeugkasten kann auch die Fähigkeit sein, ein Business Model zu entwerfen. Dann natürlich unsere Visualisierungs-Skills, eine Kernfähigkeit von Designern. Skizzen zu machen, Szenarien zu entwerfen, Filme zu drehen, rapid prototyping für Produkte und Services, … das sind alles Hilfsmittel, um Dinge auszuprobieren und zu untersuchen.

Diese Ansicht, das wir als Designer uns an einem Werkzeugkasten bedienen können, sollte in den Universitäten viel mehr gelehrt werden. Insbesondere das Sichtbar-Machen und das Erfahrbar-Machen sind wichtige Elemente.

Im nächsten Schritt bei einem Workshop werden Visionen entwickelt. Also nicht mehr nur gezeigt, was bereits diskutiert wurde, sondern neue Szenarien und Zukunftsvorstellungen entwickelt. Das sollte nicht vom Designer vorgegeben werden, jeder Teilnehmer sollte hier dir Möglichkeit erhalten, Ideen und Änderungen einzubringen.

Einerseits also haben wir die Aufgabe, die Diskussion zu unterstützen und den Designprozess zu leiten, aber andererseits können und sollten wir zum richtigen Zeitpunkt auch unsere Fachkenntnis und unsere Ideen einbringen. Wenn auch nur, um wieder einen Dialog anzustoßen. Das sind wiederum typische Designwerkzeuge und Elemente der Designkultur.

 

 Hans Sauer Stiftung:

Ihrer Meinung nach sollten Designer Menschen als Kapital sehen. Was genau meinen Sie damit?

 

Ezio Manzini:

Das ist eine Ansicht, die sich immer mehr etabliert, aber noch nicht ganz im Mainstream angekommen ist. Das sollte sich aber meiner Meinung nach dringend ändern. Denn die traditionelle Position eines Designers ist „Ich bin hier, um den Kunden oder den Usern zu helfen“. Bei diesem user-centered Design gibt es viele Methoden, um den Nutzer und seine Bedürfnisse besser zu verstehen. Auch ethnographic research for design geht in diese Richtung: dem Nutzer eine Rolle zu geben. Und das war auch ein sehr wichtiger Schritt. Hier bedeutet partizipatives Design, dass der User sagt, wie er es gerne hätte. Gut so, denn schließlich wird er das Produkt später nutzen. Das Problem dabei ist: man geht zwar nahe an den User ran, betrachtet ihn ethnographisch, aber man sieht ihn immer noch als Teil des Problems. Er ist derjenige, der das Problem hat.

Der neue Ansatz ist, dass der User auch Teil der Lösung sein kann. In diesem Fall muss man seine Energie nicht darauf verwenden, ihn lange zu beobachten, und mit ihm über sein Problem zu reden. Man kann ihn direkt fragen, was er kann, was er gerne tun würde und mit ihm gemeinsam diskutieren. Somit ist partizipatives Design nicht: „Aha! Das hätten sie also gerne!“, sondern zu untersuchen, was die Nutzer tun können und wollen.

Da wir jetzt nicht mehr nach den Problemen und Bedürfnissen suchen müssen, können wir eine andere Frage verfolgen: was sind die Potenziale? Anschließend kreieren wir die Bedingungen, dass dieses Kapital bestmöglich genutzt wird und die Menschen die Möglichkeit bekommen, mit ihren Fähigkeiten etwas zu erreichen.

Dieser Unterschied macht einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel aus, was die Einstellung des Designers betrifft. Er ist nicht mehr der Problemlöser, sondern ein Partner, der anderen dabei hilft, ihre Probleme selbst zu lösen.

 

Hans Sauer Stiftung:

Sie vertreten die Ansicht, dass es bereits viele lokale Initiativen gibt, die gut arbeiten, aufgrund der Menschen, die daran beteiligt sind, die Arbeit, die sie hineinstecken und die Beziehungen, die sie bilden …

 

Ezio Manzini:

Was ich bisher gesagt habe, war alles wichtig für Designer, nur sehr fachbezogen. Dies alles lässt sich aber auch auf die Gesellschaft anwenden. Man kann sie ansehen und nach Problemen suchen, man kann sie aber auch ansehen und Ressourcen finden. Die Dinge sind oft nicht so schwarz, wie sie scheinen. Als Designer sollte man sowieso immer nach Potenzialen, nach Hebeln, suchen, wenn man wirklich etwas verändern möchte.

Es gibt sie bereits, die Menschen in unserer Gesellschaft, die etwas Gutes tun. Sie haben die Werte, die es braucht, und die richtige Herangehensweise an Missstände bereits verinnerlicht: Beziehungen und Wohlbefinden. Sie schaffen praktische Lösungen und positive Umgebungen. Mit diesen Menschen sollten wir zusammenarbeiten und sie unterstützen.

 

//Danke für das Interview